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Reise durch die Nacht
"Na, so richtig klasse liegt die Braunüle nicht mehr, aber es wird
schon gehen." denkt sie abends um 23.00 Uhr und richtet sich ihre IV im
Wohnzimmer zurecht. Dafür
sortiert sie sich erst einmal alles was sie braucht fein säuberlich
auf den frisch desinfizierten Tisch. Die Medis: 3Gramm Fortum, 160mg Gerebcin, 2 Flaschen Kochsalzlösung
dazu, zum Auflösen und Verdünnen, einmal Heparin, dann fünf 20er Spritzen,
dazu 5 Nadeln, Sprühdesinfektion und ein paar Tupfer. Das Fortum und das Gernebcin werden mit der Kochsalzlösung gemischt
und in Spritzen aufgezogen. Heparin und Kochsalzlösung werden zum Spülen
aufgezogen und dann kann es losgehen. Die Braunüle wird mit Kochsalz vor- und
freigespült. Leider tut sich heute abend nichts. Sie kann drücken und an der
Nadel ziehen wie sie will. Es geht nichts. 23.30 Uhr was tun. Kein Ding. Alles möglichst
steril einpacken und ab ins Krankenhaus.
Der Herr am Empfang kennt sie schon und schickt nach dem Arzt. Sie müsse
sich aber etwas gedulden, denn es sei gerade ein Notfall da und dieser brauche ärztliche
Intensivversorgung. Kein Problem, so eilig ist es ja nicht. Nach einer
Stunde wird sie zu ihrem Leidwesen doch leicht unruhig. 0.15 Uhr, sie ist
eine Stunde überfällig.... wird schon nicht so schlimm sein. Wird
eine kurze Nacht, aber egal sie kann ja morgen nach der ersten Gabe noch mal schlafen.
Um 0.35 Uhr teilt ihr der nette Herr vom Empfang mit, daß
es noch dauern kann. Sie braucht doch eigentlich nur einen Butterfly. Alles
andere kann sie selbst. Kann ihr keiner dieses läppische Ding geben???..
Etwas genervt entscheidet sie, daß sie ihre sieben Sachen wieder einpackt,
und ins nächste Krankenhaus fährt. Ist ja ganz in der Nähe.
Und der Notdienst im Krankenhaus muß ja da sein. Ist auch ein größeres
Krankenhaus. 1.00 Uhr, sie soll sich auf St. 5 melden, da seien die diensthabenden
guten Geister
zu finden. Die Schwester kann ihr leider keinen Butterfly geben, der Arzt
muß angepiept werden. Er kommt..... ein Bild von einem Mann........
blond und schön..... und sehr ungehalten. Die vermeintliche Störung um diese Zeit ginge
ihm sehr gegen den Strich! Er sehe gar keine Veranlassung ihr dieses fertig
gemischte Zeug zu spritzen, er wisse ja nicht, was das sei. Seine Versicherung
würde nicht zahlen, wenn etwas passiere, wo die medizinische Indikation sei
???..... ein Junky versuche immer irgendwie an seinen Stoff zu gelangen.... Sie
steht da, mit ihren Medis, und ihrem Sauerstoff im Gesicht, und ist nun leider auch etwas genervt, weil diese Diskussion ja doch zu nichts führt.........
und sie kann ihn ja auch verstehen, darum bietet sie auch an, noch mal nach
Hause zu fahren, frische Medis und die ärztliche Verordnung zu holen. Doch
das hört der Arzt gar nicht. Sie möchte doch nur einen Butterfly, alles andere
interessiert sie doch um diese Uhrzeit, um 1.30 Uhr, gar nicht mehr. Telefonische
Rücksprache mit der Oberärztin, "Hier ist eine hysterische
junge Frau..... nein,.... ja in der Roten Liste steht auch 2x täglich....
hmm,
ja ..hmm jaha,... gar nicht notwendig, .....ja gut,.... hmm....morgen früh
zum Hausarzt, entschuldigen sie die späte Störung, weiterhin
gute Nachtruhe." Sie versteht die Welt nicht mehr. 1.55 Uhr und alles umsonst, 2
ein halb
Stunden umsonst durch die Nacht gereist, weil in der Roten Liste schwarz
auf weiß steht, die Medis zur Infusion werden 2x täglich verabreicht......
und er schickt ihr noch mit auf den Weg, daß sie für seine schlaflose
Nacht verantwortlich sei..........
[ Juli 1998 )
Nachtrag
Etwa ein Jahr später mußte sie wieder in die Klinik, weil sie anderwärtige
Probleme hatte. Ihr ist dieser Vorfall noch sehr gegenwärtig und sie denkt noch
: "wenn jetzt ein hübscher, blonder Bl........ zur Tür herein kommt, dann
springe ich von der Pritsche und laufe nach Hause." Kaum zu Ende gedacht,
steht er auch schon vor ihr. Doch nach seinen nette und unkomplizierten Worten
zu urteilen, kennt er sie nicht wieder. Also ist sie auch freundlich und läßt
sich helfen. Der Arzt zeigt sich sehr kompetent und ist super Klasse. Als es
später zur Frage des Hausarztes kommt, wird er hellhörig, und kennt sie dann
doch wieder. Beide haben jetzt in die Möglichkeit in aller Ruhe noch mal über
den Vorfall zu reden, und stellen fest, daß wohl Beide etwas überreagiert
haben. Er versichert ihr aber, daß sie jetzt zu jeder Tages- und Nachtzeit zu
ihm kommen könne, er wäre immer für sie da:-)))
[ Mai 1999 ]
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