Gesicht in der Sonne

 

Nachdem Christine 3 Wochen nur gelegen ist, braucht sie ein paar Tage, bis
sie sich so weit regeneriert hat, das sie mit ihrer fahrbaren
Sauerstoffflasche, ohne fremde Hilfe, durch die Satteldüne flitzen kann.
Strahlend begegnet ihr Christian, der 2 Wochen Urlaub hinter sich hat.
"Grüß Dich Christian, wie geht es Dir? Hast Du einen schönen Urlaub gehabt? Habe Dich lange nicht gesehen." "Was machst Du denn hier?" kommt es ganz entsetzt und mit riesigen Augen. "Ja, ich muß doch meinen Rundgang machen, muß sehen, ob alles in Ordnung ist," entgegnet Christine froh gelaunt. "Äh, ja sag mal," stottert Christian, "kannst Du eigentlich nachvollziehen, was mit Dir in den letzten Wochen gewesen ist???? Wie bist Du denn drauf!?" "Na logisch, weiß ich was mit mir war." Komische Fragen kann der stellen!!  Dann weiter, aber es ist nichts los auf Satteldorfs Gängen. Also auf Richtung Speisesaal, da ist immer jemand.  Wer keine Treppen gehen kann, darf den direkten Weg durch die Küche nehmen. Dort ist ein Aufzug. Sehr angenehm. Sie wird inzwischen auch täglich in der Küche erwartet, damit sich die Herren und Damen vergewissern können, daß alles in Ordnung ist mit ihr. Aber diesmal überkommt Christine die Versuchung........ Da ist eine offene Tür, ohne Stufe, ohne Gummimatte, wo man mit den Rädern der Sauerstoffflasche hängen bleiben kann! Durch diese offene Tür drängen sich die ersten,  warmen, leuchtenden Sommersonnenstrahlen. Und schwubs.......   ist sie schon durch die Tür und geht auf den Hof, weiter Richtung Eingangstür. Sie zittert vor Aufregung, ihre Atmung ist beschleunigt, doch es ist schön, angenehm und warm. Der Wind berührt zart ihre Haut. Sie kann nicht genug von diesem Gefühl bekommen. Angekommen an der Tür, lädt eine Mauer gerade zur rechten Zeit zum Sitzen ein. Sie ist völlig fertig:-)   Sie sitzt vor der Klinik, ist diesen Weg selbst gegangen! Sie ist überwältigt, daß ihr die Tränen im Gesicht herunter laufen. Der Wind kühlt ihre heißen Wangen. Nach ein paar Minuten des genießens, setzt sich jemand dazu und will reden. Sie kann nichts sagen.....    sieht ihm nur ins Gesicht. Christian, oh nein, muß er mich so sehen....   entsetzlich!! "Hy Christine, was ist mit Dir???" fragt er, der den Stimmungswechsel absolut nicht verstehen kann. "Christian, ich weiß einfach nur was mit mir war, und sieh doch: ich hier, auf der Insel, vor der Klinik. Ich bin auf meinen eigenen Beinen hier her gelaufen, und nun darf ich hier sitzen, mit dem Gesicht in der Sonne." Weiterer Worte bedarf es nicht, aber sie spürt noch heute seinen angenehmen Druck auf ihrem Arm.

[ Juli 1997 ]