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Herr Buschmann redete noch immer. Sie dachte an den vergangenen Winter. Da spannte sie Martin vor ihren Schlitten und lies sich durch den Schnee ziehen. Am Anfang ging es so schnell, dass sie aufpassen musste nicht herunterzufallen. Auf dem Rückweg musste sie Schlitten und Hund nach Hause ziehen. ,Martin' war damals noch im Besitz der Nachbarin und wurde dann ausgeliehen. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie allerdings das Haus verkaufen und wollte ,Martin' in ein Tierheim geben. Sie brauchten zwei Tage um ihren Vater zu überzeugen, dann zog ,Martin' bei ihnen ein. Das war jetzt zwei Monate her, seitdem richtete sich der Tagesablauf der Eltern mehr und mehr nach den Bedürfnissen des Hundes. Sie und ihre Schwester Ingrid zogen sich sehr schnell von den Verpflichtungen zurück und hatten in ,Martin' einen Freund gefunden, dem sie ihre Sorgen und Nöte erzählen konnten. Wenn sie traurig waren kuschelten sie sich in sein dichtes schwarzes Fell und er grunzte vor Behagen.
Jetzt sah sie ein Eichhörnchen am Waldrand von einer Tanne zur anderen hüpfen. Sie wusste, dass diese Tiere sich einen Vorrat für den Winter anlegten. >BEATE< Herr Buschmann rief ihren Namen etwas sehr laut, was darauf hin deutete das sie nicht zum ersten Mal angesprochen wurde. Alle Kinder der Klasse starrten sie an und grinsten. >...sag mal, hörst du mir überhaupt zu? Was starrst du denn so aus dem Fenster?< Sie merkte wie sie langsam rot wurde. Jetzt nur keine freche Antwort geben, sonst ist Nachsitzen angesagt, das wusste sie. Herr Buschmann kam durch die Reihen auf sie zu. >Ich habe doch nur ,Fridolin' beobachtet...< murmelte sie mit dem unschuldigsten Gesichtsausdruck zu dem sie fähig war. >'Fridolin'? Wer ist ,Fridolin'?< Die Falten auf der Stirn von Herrn Buschmann glätteten sich etwas. >Na das Eichhörnchen dort< Beate zeigte mit dem Finger aus dem Fenster auf den Waldrand. Im Nu standen alle Kinder der Klasse an den Fenstern und sahen hinaus. Herr Buschmann konnte sich trotz größter Mühe ein breites grinsen nicht verkneifen. ,Fridolin' saß zwischenzeitlich auf dem Rasen, der die Schule vom Waldrand trennte und nagte genüsslich an einer Nuss. Es sah wirklich putzig aus. >Och, guck mal wie süß...<, >...ist das niedlich!< Ihre Klassenkameraden waren begeistert. Herr Buschmann hatte
keine Chance. Die Pausenglocke läutete und alle stürmten aus dem Klassenzimmer noch bevor der Lehrer die Hausaufgaben verteilen konnte. Er zuckte mit den Schultern und mit einem Lächeln um den Mund verlies er als letzter das Zimmer. Als Beate des Abends diese Geschichte beim gemeinsamen Abendbrot zu Hause erzählte, verschluckte sich ihr Vater vor Lachen an dem gerade abgebissenen Stück Wurstbrot.
Sie wohnten am Stadtrand und hinter dem Haus waren nur die Terrasse und Gärten der anderen Häuser. Sie hatten eine riesige Tanne im Garten die mal als Sicht- und Windschutz vor Jahren gepflanzt wurde. Nun überragte sie das Haus und bot den Vögeln die Gelegenheit Nester zu bauen, Martin hatte sein Futter- und Saufnapf so vor der Terrassentür stehe, dass er beim Fressen hinaus in den Garten sehen konnte. Es war für ihn wie im Kino und oftmals vergas er das Kauen und Schlucken bei dem was er da sah. Dann stellte er die Ohren auf, seine Nase vibrierte und seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Dann geschah es: Er bellte, nein es war eigentlich kein bellen, mehr ein winseln, jammern. Seine Nackenhaare standen zu Berge und er wäre am
liebsten durch die geschlossene Tür gerannt. ,Martin' bellte sehr selten und um so erschrockener liefen die Kinder zu ihm und riefen den Vater. Nun standen die beiden Mädchen, der Vater und ein aufgeregter Hund vor der Terrassentür und schauten hinaus: Ein Eichhörnchen saß unter der Tanne und nagte genüsslich en einem heruntergefallenen Tannenzapfen. Wie aus einem Munde riefen alle ,Fridolin'... Der Hund schaute irritiert zu ihnen hoch. Er wollte doch nun raus und mit diesem niedlichen Geschöpf spielen das 10 Meter vor ihm saß. Der Vater bat die Kinder den sich widerstrebenden gehorchenden Hund in ein anderes Zimmer zu bringen, damit ,Fridolin' nicht verscheucht wird. Als sie wieder ohne ,Martin' angerannt kamen, saß das Eichhörnchen immer noch da unter der Tanne und knabberte auf den Hinterpfoten gehockt den großen Zapfen. Rechts neben der Tanne stand eine Windmühle aus Holz. Sie war ziemlich geschützt und drehte sich nur, wenn der Wind heftig, ja fast ein Sturm war. Sie war naturgetreu nachgebaut mit weiß gestrichenen Fenstern und Türen. ,Fridolin' saß genau zwischen der großen Tanne und dieser Mühle. Und was nun geschah, war so unglaublich, dass keiner der Beobachter es glauben wollte: Das Eichhörnchen nahm den Zapfen, biss ihn durch, so das zwei fast gleich große Teile entstanden und hüpfte mit aufgestelltem Schwanz zur Mühle. Dann schaute es sich um, lies den halben Zapfen fallen und öffnete eine Tür in der Windmühle, schob das Teil von Tannenzapfen hinein und rannte sofort zur anderen Hälfte, die noch an der Stelle lag, wo er ihn durchgebissen hatte. Schnappte sich auch diese Hälfte, begutachtete es von allen Seiten und hüpfte damit auch zur offene stehenden Tür der Windmühle und schob es hinein. Blitzschnell, ohne sich noch einmal umzusehen sprang ,Fridolin' nun durch den Zaun auf das Grundstück des Nachbar.
Der Vater und seine Töchter rieben sich die Augen hinter der Tür. Vorsichtig öffnete sie diese und schlichen in den Garten zu der Windmühle. Die Tür stand noch offen >...wie ihr mit Eurer Zimmertür< murmelte der Vater schmunzelnd. Alle Drei versuchten durch die kleine Tür in der Windmühle zu schauen und legten sich dabei auf den Rasen. Zu sehen war nichts. Vater hob die schwere Mühle hoch und da kullerten Eicheln, Kastanien, Hasel- und Wallnüsse sowie Tannenzapfenteile heraus. Sie hatten die Vorratskammer des Eichhörnchens entdeckt, das sich ,Fridolin' für den Winter angelegt hatte. Vorsichtig wurde die Mühle wieder auf ihrem Platz gestellt und die Vorräte wieder drinnen verstaut.
Es wurde Herbst. Die Blätter verfärbten sich und fielen langsam zu Boden. Wenn ,Martin', wenn er wieder mal vor der Tür saß, gequält bellte wusste die Familie: ,Fridolin' besuchte unseren Garten. An den Wochenenden fuhr der Vater mit dem Hund immer an einen See, damit er sich austoben konnte. Dann
wurden Stöckchen ins Wasser geschmissen und ,Martin' sprang hinterher, schwamm im Wasser zu dem Stock und holte ihn aus dem Wasser, schmiss ihn vor die Füße und wartete darauf, das er wieder im Wasser landete. Auf dem See tummelten sich Stockenten, Schwäne und Haubentaucher. Bevor der Vater den Stock ins Wasser warf achtete er darauf, dass diese Tiere nicht gestört werden. Hatte ,Martin' sich ausgetobt kam er an die Leine und Vater konnte seinen Beutel aus der Tasche ziehen und mit dem mitgebrachten Futter die Enten und Schwäne füttern. Diese waren wegen dem Hund sehr scheu und trauten sich nicht nah an das Ufer heran, so dass Vater das Futter weit hinaus werfen musste. Unter den vielen Enten befand sich eine schneeweiße. Sie war nicht nur wegen ihres Gefieders auffällig, sondern auch wegen ihrem Verhalten. Sie war frech und furchtlos, griff im Kampf um das Futter sogar die Schwäne an in dem sie den Hals lang machte und den Schnabel auf ihre Brust legte und mit voller Kraft, so schnell sie konnte schwamm. Dabei rammte sie alles beiseite was ihr im Wasser im Wege stand oder schwamm. Sie
hatte sich bei ihren Artgenossen und auch schon bei den viel größeren Schwänen Respekt verschafft . Sie traute sich auch näher ans Ufer -trotz des dort liegenden ,Martin'- um sich die besten Stücken des Futters zu sichern.
Nachdem der Vater das gesamte Futter verteilt hatte und mit dem Hund weiterzog, war diese weiße Ente als erstes die Uferböschung hochgekrabbelt um sich die dort liegenden Futterreste einzuverleiben. Je öfter der Vater mit ,Martin' dort spazieren ging und die Wassertiere fütterte, je mutiger, ja fast zutraulicher wurde sie. An einem Wochenende -es war schon Winter- wollten Beate und Ingrid mit zum See um zu schauen, ob dieser schon zugefroren war und sie darauf Schlittschuhlaufen könnten. Der Vater wusste zwar, dass dieser See nie zufrieren würde, dazu war zuviel Strömung vorhanden, sagte aber nichts, da er froh war einmal mit Begleitung seiner Kinder zu gehen. Am See angekommen hatte der Hund keine rechte Lust oft in das kalte Nass zu springen und schon nach dem dritten Bad schaute er nur dem Stock hinterher auf dem Wasser hinterher und bellte. Auch die Kinder waren enttäuscht, das sie nun ,umsonst' mitgekommen waren und schauten missmutig drein. Erst als der Vater die Futtertüte hervorzog und die ersten Krumen zu den in weitem Abstand vom Ufer schwimmenden Enten warf war ihr Interesse wieder geweckt. Natürlich überlies er den Kindern die Tüte, damit sie die Tiere füttern konnten. Sie konnten aber das Futter nicht so weit auf den See hinauswerfen, so das nur einer davon profitierte: Die schneeweiße mutige Ente. Die Kinder lockten sie immer näher ans Ufer, indem sie das Futter immer kürzer warfen, sie wollten sehen wie mutig dieses Tier nun war und ob es nicht vielleicht sogar aus der Hand fraß. Der Vater stand daneben mit ,Martin' an der Leine, achtete aber nicht auf ihn, weil er das Spiel der Kinder beobachtete. Die weiße Ente kam immer näher, dann ohne Vorwarnung, aus seiner liegenden Position heraus, machte der Hund einen Satz und wäre um ein Haar fast auf die Ente gesprungen. Sie machte einen Satz nach rechts, wieder zurück ins Wasser und schwamm laut quakend von dannen. Wir waren empört. Beate stellte sich vor den Hund, hob den Zeigefinger und sprach zu ihm: >Wenn Du ,Erwin' noch mal verscheuchst!<. Vater und Ingrid wie aus
einem Munde >WEN???< Beate erklärte uns daraufhin, dass in ihrer Schule ein blonder Junge mit dem Name in einer Klasse über der ihrigen ging, der ebenfalls sehr mutig und manchmal sogar richtig frech war...
Die Kinder kamen nicht mehr mit an den Wochenenden zum See. Vater ging mit ,Martin' allein und fütterte die Enten. ,Erwin' bekam wie immer das meiste ab und als es zum Frühjahr kam, waren auf einmal zwei schneeweiße Enten auf dem See: ,Erwin' hatte eine Frau gefunden. Er verabschiedete sich
Sonntagsmorgens dann von seinen Kindern mit den Worten: >Ich gehe zu ,Erwin' mit seiner Frau< und alle wussten Bescheid. Aber nicht nur ,Erwin' fand sein Glück. Auch ,Fridolin' hüpfte eines Tages mit einer Begleiterin durch den Garten, mit ,Frederike'...
Das Gras wuchs auf dem Rasen im Garten. Vater hatte keine Zeit es rechtzeitig zu mähen und eines Morgens hüpfte ein Hase durchs hohe Gras. Natürlich nannte sie ihn nicht Hase sondern ,Gunnar'! Als er auch eines Tages mit seiner Frau ankam hieß sie ,Gudrun' und die Hasenkinder später dann ,Gisela' und ,Gustav'. Die Schwarzdrossel wurde ,Elfriede' getauft und die Maus die eines Tages den Weg in den Keller fand ,Herbert'. Die Namen der Tiere wurden so geläufig, dass überall nur noch von ,Gunnar' gesprochen
wurde, wenn man aus dem Auto einen Hasen auf dem Feld sah und von ,Herbert' wenn ,Martin' im Herbst über die Stoppelfelder den Mäusen nachjagte. Die Krähen hießen ,Kurt' und ,Karin', die Rehe die man hin und wieder im Wald sichtete ,Reinhold' und ,Regine'. Nach und nach bekam jede Tierart ihren nur für sie bestimmten Namen. Innerhalb der Familie wusste jeder wer oder was gemeint war. Für Fremde war dieses sehr undurchsichtig und man erntete Kopfschütteln wenn nicht gar an der Zurechnungsfähigkeit gezweifelt wurde. Der Vater bekam dieses am eigenen Leibe zu spüren, als er an einem Morgen sehr früh etwas aus seinem Auto holen wollte, das vor dem Haus unter einer Kiefer parkte. Es war wirklich noch sehr früh und er ging die paar Schritte von der Haustür zu Wagen in Hausschuhen und Schlafanzug. Um diese Zeit war
nicht damit zu rechnen, dass irgend ein anderer sich auf der Straße blicken ließ. Er schloss die Wagentüre auf und in diesem Moment fiel von der Kiefer ein Tannenzapfen direkt auf das Blechdach des Fahrzeuges. Der Vater erschrak, sah nach oben auf den Baum und rief >...lass das ,Fridolin'!< Er dreht sich um und seine Nachbar stand hinter ihm. Er schaute Vater an, dann den Baum hoch, runzelte die Stirn, drehte sich um und ging kopfschüttelnd ins Haus zurück. Vater war sich nicht ganz sicher, war es nun wegen seines
Ausrufes zu dem Eichhörnchen oder wegen seines Aufzuges im Schlafanzug!?
Verfasser
Norbert Geheim
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