Geburtstagsgrüße

 

 

"Endlich!" stöhnte Susanne, "endlich Feierabend!" Sie packte ihre Sachen in die Tasche, zog ihrem Mantel an und verließ das Büro. "Nichts wie weg von diesem lausigen Job. Ich hasse ihn."schimpfte sie laut. "Aber viel mehr hasse ich Ingo!" Damit meinte sie ihren Freund, der arbeitslos Tag für Tag zu Hause auf dem Sofa herumlungerte, ihre Vorräte aufaß und dann noch schlechte Laune verbreitete, wenn die Haustür aufschloß. Heute hatte sie Geburtstag, heute wollte sie so etwas nicht, auf keinen Fall.

Sie suchte ihren Weg durch die Menge, hastig, lustlos, einsam. Wenn Ingo doch nur einmal, nur ein einziges Mal zeigen würde, daß er mich mag, daß er mir hilft bei meiner Hausarbeit... ach, überhaupt, daß...

Sie hatten sich bei einem Skikurs in St. Christina kennen gelernt und sofort ineinander verliebt. Ingo war selbständig und konnte sie deshalb häufig in Hamburg besuchen. Aber irgend wann, sie erinnerte sich nicht mehr, wann das genau war, blieb er. Er blieb nicht für eine Nacht, für zwei oder drei, nein, er verkündigte, daß er ihr ein Freude machen wollte, indem er bei ihr einzög. War das nicht auch an meinem Geburtstag gewesen? So eine Art Geburtstagsgeschenk?

Susanne zog ihren Mantel zusammen , sie fror. Sie mußte noch ein paar Meter zur Bushaltestelle zurücklegen und quälte sich vorwärts. Ich habe überhaupt keine Lust, nach Hause zu fahren, am liebsten würde ich mich in ein hübsches Cafe setzen vor ein Riesenstück Himbeertorte und eine Tasse Milchkaffee und alleine Geburtstag feiern. Ingo hatte bestimmt ihren Ehrentag vergessen und lag mit halb nackten Körper auf dem Sofa und lauschte seiner Meditationsmusik. Jeder Tag dasselbe, jeder Tag ein Stich in ihre Herz. Alles in der Wohnung war so, wie sie es morgens verlassen hatte. "Ich bin zum Putzen nicht geboren - ich bin ein kreativer Mensch!" hatte Ingo immer geprahlt. Nur, von seiner Kreativität wurde weder die Wohnung sauber noch das Haushaltsgeld mehr! Susanne hatte fast die Bushaltestelle erreicht und  verspürte plötzlich bleischwere Füsse. Heute nicht, hämmerte es in ihrem Kopf. Heute möchte ich einmal, nur ein Mal wieder glücklich sein. Wenn er doch Rosen kaufen würde, den Tisch nett decken, eine Torte zaubern, den Sekt kalt stellen würde... Nur heute! Dann wäre sie um vieles versöhnt. Dann könnte sie spüren, daß sie ihm noch etwas bedeutet! Sie entdeckte einen Blumenstand und hielt trotzig an. "Er kauft mir sowieso keine Rosen", sagte sie laut vor sich hin und blieb stehen. Den wunderschönsten Strauß suchte sie sich aus: 27 rote kräftige Rosen- so alt wurde sie heute. Die Verkäuferin hatte Spaß an der Begeisterung Laune von Susanne und wickelte den Blumenstrauß besonders sorgsam in ein Papier. Nachdem sie bezahlt hatte, überkam sie ein kleines Geburtstagsgefühl und sie schnupperte verzückt an den prallen Blüten. Im Bus schweiften ihre Gedanken wieder zu Ingo und zu dem, was sie in einer halben Stunde erwarten würde. Als erstes käme wohl die Frage, warum sie einen Blumenstrauß in der Hand halten würde. Nun, sie lächelte und überlegte, ob sie ihn dann bitten würde, zu raten. Ach... unwirsch fuhr Susanne sich durchs Gesicht. Was sollen solche Kinderreien? Selbst dazu hatte sie keine Lust mehr. Sie würde wahrscheinlich die Blumen in eine Vase stellen, Kaffee kochen und bitten, daß er ihr ein wenig Platz auf dem Sofa machen würde. Dieser Abend verliefe bestimmt nicht anders als alle anderen davor. 27 Jahre, dachte sie. Ich werde tatsächlich 27 Jahre alt. Andere Frauen haben drei Kinder in diesem Alter, ich dagegen habe einen lausigen Job und einen stinkfaulen Liebhaber. Wo ist bloß die Zeit geblieben? Was soll das neue Lebensjahr bringen? Der Bus stoppte, sie mußte aussteigen. Schnell erhob sie sich und verließ mit Tasche und Rosenstrauß den Bus. Nun war es nicht mehr weit bis nach Hause. Vielleicht... kokettierte sie, vielleicht passiert ja ein Wunder und er hat doch an meinen Geburtstag gedacht und überrascht mich mit einer Riesenfete... Girlanden... Musik, Theaterkarten... Sie blickte nach oben zum dritten Stock, in dem sie wohnte. Keine Anzeichen einer Fete sichtbar. Sie verspürte ein Kribbeln, irgend etwas wird heute noch passieren, dachte sie. Oder will ich das nur? Daß etwas passiert? Sie stieg die Treppen zu Fuß nach oben, so hatte sie mehr Zeit. Endlich stand sie vor der Wohnungstür und schloß vorsichtig auf. Plötzlich überfiel sie ein Unruhe, sie stieß die Tür auf und stürzte ins Innere. Sie schaute sich um, lief in die Küche und ins Schlafzimmer, zurück ins Wohnzimmer, in die Diele. Nichts zu sehen, nirgends eine Überraschung oder Veränderung. Alles leer. Wo war Ingo? "Ingo", fragte sie und suchte erneut. Er war nicht zu finden. Sie legte den Blumenstrauß in der Küche auf den Tisch und zögerte. Irgend etwas stimmt nicht, überlegte sie. Wo sollte Ingo sein? Ihr Blick fiel auf einen Zettel, der an der Kaffeemaschine lehnte. Sie stutzte und nahm ihn an sich: Ingos Schrift. Sie mußte sich setzen, um den Inhalt zu verstehen. "Liebe Susanne", stand dort geschrieben, "Ich muß dir gestehen, daß ich eine neue Beziehung angefangen habe und verlasse dich. Bei uns beiden hat es doch schon lange nicht mehr gestimmt, wenn wir ehrlich sind. Ich bin deshalb gegangen und wünsche dir alles, alles Gute!" Susanne sprang wütend auf. "Dieses Miststück!" schrie sie, "macht es sich so einfach! Haut einfach ab!.Von wegen Geburtstagsgrüße!" Sie schlug mit der Hand auf den Tisch, trat vor den Stuhl und verließ Tür knallend die Küche. Immer und immer wieder rannte sie durch die leere Wohnung.  Doch unverhofft hielt sie inne...

Sie ging zurück in die Küche, nahm den Rosenstrauß aus der Vase und nahm ihn mit ins Wohnzimmer. Dort stellte sie den CD-Player an und begann zu singen: "Heut ist der schönste Tag in meinem Leben" und warf die Rosen über ihren Kopf in die Höhe. Aus dem CD-Player ertönte unbarmherzig der Song: "Für mich solls rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen...."


 Verfasser Dorothea Kuhn                                         weiter                  zurück