|
"Endlich!" stöhnte Susanne, "endlich Feierabend!" Sie packte ihr Sachen
in die Tasche, zog ihren Mantel an und verließ das Büro. "Nichts wie weg
von diesem lausigen Job. Ich hasse ihn." schimpfte sie laut. "Aber viel mehr hasse ich Ingo!" Damit meinte sie ihren Freund, der arbeitslos Tag
für Tag zu Hause auf dem Sofa herumlungerte, ihre Vorräte aufaß und dann noch schlechte Laune verbreitete, wenn sie die Haustür aufschloss. Heute hatte sie Geburtstag, heute wollte sie so etwas nicht, auf keinen Fall!! Sie stürmte die breite Marmortreppe hinab und mit wehenden Haaren am Pförtner vorbei. Seinen Gruß " ...schönen Feierabend!" hörte sie nicht mehr, nur raus hier.
Jetzt stand sie mitten im Getümmel der vorbeihastenden Menschen in der Nachmittagssonne, die sich ihren Weg durch die Häuserschluchten bahnte und auf ihrer Haut eine angenehme Wärme hinterlies. Susanne schloss kurz die Augen um sie dann sofort erschreckt aufzureißen als ein Junge sie mit seinem Skatebord anfuhr. Sie wartet vergeblich auf eine Entschuldigung und bemerkte, dass sie es war die hier mitten auf dem Gehweg alles blockierte. Die Menschen gingen um sie herum, ewinige knurrten etwas von " Pass doch auf" und hasteten weiter. Sie trat an die Hauswand und überlegte was sie eigentlich wollte. Sie wusste zwar was sie nicht wollte, aber Alternativen, etwas Besseres fiel ihr auch nicht ein. Mal etwas vollkommen Verrücktes machen, etwas ausgefallenes, aber was? Mit Erschrecken wurde ihr klar, wie lange sie schon in diesem alltäglichen Trott lebte. Jeden Tag die gleichen Menschen und Tätigkeiten, keine Abwechslung, keine Freude, keine Herausforderungen. Jetzt bemerkte sie, wie ihre Schritte sich automatisch der S-Bahn-Station zuwandten, wie jeden Tag.
Dort angekommen, zwang sich Susanne bewusst auf den falschen Bahnsteig zu gehen. Sie stieg die Stufen hinauf und stand dort fast allein neben den Gleisen. Ihr gegenüber drängten sich die Menschen auf dem Bahnsteig und schauten erwartungsvoll in die Richtung der S-Bahn die sie in die Vororte, wo sich ihr Heim, ihre Wohnungen und Häuser befanden, bringen sollte. Auch sie stand jeden Tag dazwischen. Jetzt amüsierte es sie diesem Treiben zu zuschauen, von außen zu betrachten wie sich diese Menschen verhalten. Sie stellte sich vor, das sie selbst dazwischen stand und suchte mit ihren Augen eine Person die ihr äußerlich ähnlich war. Noch bevor sie jemanden ausfindig machen konnte fuhr mit quietschenden Geräusch die Bahn auf ihrem Gleis ein und versperrte ihr die Sicht.
Sollte sie nun in diesen Zug einsteigen? Er war fast leer, sie wusste nicht einmal genau wo er hinfuhr, wie lange er unterwegs sein würde. Hatte sie überhaupt den richtigen Fahrtausweis? Trotzig drückte sie den Knopf und die Tür öffnete sich. Wann hatte eigentlich das letzte Mal sich eine Tür nur für sie geöffnet? Etwas unsicher stieg sie ein und setzte sich auf einen der vielen freien Plätze. Der Zug fuhr an und ihr wurde bewusst, dass sie diesmal keinen Griff zum Festhalten brauchte, sie saß ja! Außer ihr waren noch 2 Personen in diesem Großraumwagen. Keiner nahm von ihr Notiz. Während draußen die Häuser und Straßen am Fenster vorbeiflogen, schaute Susanne aus dem Fenster und versuchte sich zu orientieren. Sie lebte nun schon einige Jahre hier, aber was kannte sie überhaupt in der Stadt, in der Umgebung? Irgendwie kam sie sich orientierungs- und hilflos vor. Auf der Strecke nach Hause kannte sie jedes Haus, jeden Schuppen an dem die Bahn vorbeikam. Jetzt wunderte sie sich über das dröhnende Geräusch des Zuges als er auf einer Brücke den Fluss überquerte. Am Ufer des Flusses standen Angler, auf dem breiten Grünstreifen tobten Hunde, einzelne Liebespärchen gingen eng umschlungen auf dem schmalen Pfad. Ganz am Anfang als sie mit Ingo zusammengekommen war, hatten sie sich hin und wieder auch hier aufgehalten, hatten händchenhaltend am Wasser gestanden und Zukunftspläne geschmiedet. Was ist nur daraus geworden?
Am nächsten Haltepunkt stieg sie aus. Diese Haltestelle war noch sehr neu und wurde nur für die Erholungssuchenden eingerichtet die sich im Sommer mit Sack und Pack, mit Grillkohle und Würstchen auf den Weg zum Ufer des Flusses machten um dort ein Picknick zu veranstalten. Heute war sie allein hier ausgestiegen, nur mit ihrer Handtasche. Sie ging zwar in Richtung des Flusses, aber dennoch ziellos. Als Susanne den Deich, der im Frühjahr das Hochwasser abhalten sollte, erklommen hatte, suchte sie sich eine Bank und setzte sich darauf. Sah so das Abenteuer aus das sie suchte? Radfahrer, Inline-Skater fuhren an ihr vorbei, Jogger schnieften, ein älteres Ehepaar -sie stützten sich gegenseitig- gingen den Abhang hinunter zum Parkplatz wo ihr alter Opel stand. Susanne nahm das alles wahr, versuchte es zu bewerten, einen Sinn darin zu sehen und auf sich und ihre Situation zu beziehen. Waren diese Menschen glücklicher als sie? Mit wem würde sie ihr Leben tauschen wollen? Warum war sie unglücklich, fühlte sie sich nutzlos, ausgebeutet?
Langsam verschwand die Sonne kitschig hinter der Flussbiegung. Susanne saß immer noch auf der Bank und starrte ins Wasser, sinnierte über den Sinn des Lebens und was sie eigentlich erreichen wollte. Welche Ziele hatte sie? Ihr wurde bewusst, dass sie zum ersten Mal seit Jahren Zeit hatte. Zeit für sich und ihre Gedanken. Keiner war da, der sie ansprach, aufforderte etwas zu machen, keinerlei Ablenkung durch Radio oder Fernsehen. Sie hörte seit langem die Stille, das Nichts. Hörte in sich selbst hinein und fand dort keinerlei Aufregendes, Interessantes oder gar Erstrebenswertes, allerdings auch nichts Beunruhigendes. Das war also ihr Geburtstagsgeschenk an sich selbst. Einsam und allein auf einer Bank zu sitzen, ins Wasser zu starren und sich darüber klar zu werden, dass sie eigentlich nichts über sich selbst weiß. Sich bewusst zu werden darüber, dass nur sie es allein in der Hand hat ihr Leben zu gestalten. Entscheidungen nicht darüber zu treffen was es zu Essen gibt, oder welches Fernsehprogramm eingeschaltet wird, welche Party besucht wird, sondern wie ihr künftiges Leben aussehen soll.
Die Kälte kroch an ihr hoch, sie sah auf die Uhr und stellte fest, dass sie fast 3 Stunden (nutzlos?) verbracht hatte, hier auf der Bank. Susannes Füße waren eiskalt geworden, als sie sich erhob und langsam zur S-Bahn-Haltestelle zurück ging. Mechanisch stieg sie in den Zug ein, der sie nach Hause bringt. Unter den anderen Fahrgästen waren die ersten ´Partygänger' mit herausgeputztem Outfit. Auf sie, die jetzt graue Büromaus, wurde mitleidig herabgesehen. Vielleicht wurde sie bedauert, weil es den Anschein hatte, das sie jetzt erst von der Arbeit nach Hause fuhr. Susanne achtete nicht darauf, sie hatte sich entschlossen eine Entscheidung zu treffen, eine Entscheidung für ihr weiteres Leben. Welche Bedeutung hatte es da für sie, was die Anderen in diesem Moment über sie dachten. Heute Abend noch wird sie Ingo klarmachen, dass es so nicht weitergeht und ihn vor die Tür setzen. Noch wusste Susanne nicht wie es weitergehen soll, ob sie auch die Wohnung wechselt, den Arbeitgeber, die Umgebung in der sie lebt, aber als Erstes musste Ingo weg. Diese 3 Stunden hatten ihr Leben verändert wie sonst 3 Jahre. Sie hatte mehr über sich erfahren, ist an ihrem Geburtstag nicht nur ein Jahr älter sondern auch 3 Jahre reifer geworden. Ein wenig schmunzelte sie innerlich darüber.
Verfasser
Norbert Geheim
zur
nächsten
zurück
|