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Er bemerkte wie das Fahrzeug auf der Straße
leicht ins Rutschen kam. Der frisch gefallene Schnee war auf dem noch
warmen Boden getaut und dann durch die einsetzende Kälte wieder überfroren.
Der Pfleger hielt sich mit der freien Hand an der Trage fest und verstärkte
damit die Bewegungen des
schlitternden Rettungswagen. Die Straßen waren verstopft und der Fahrer
hatte das Martinshorn angestellt. Klaus sah aus den Augenwinkeln den
Widerschein des Blaulichtes, der von den Häusern zurückgeworfen wurde
und den Weg durch die schmalen Scheiben des Fahrzeuges fand. Die
Infusion machte ihn gleichgültig und die Schmerzen in seinem Bein
wurden erträglich. Nur noch ein dumpfes Pochen verspürte er in seinem
Unterschenkel. Der höllische Schmerz der ihm nach dem Sturz den Atem
nahm und ihn für einen kurzen Moment sogar das Bewusstsein verlieren
ließ, war nur noch eine verschwommen Erinnerung. Wie lange war das
jetzt her? Minuten, Stunden? Er hatte - bedingt durch die Medikamente,
oder durch seine Bewusstlosigkeit ? - völlig das Zeitgefühl verloren.
Er versuchte sich zu erinnern.
Seine Gedanken gingen zurück an den heutigen Abend. Es war wie kurz vor
Weihnachten. Warum setzen sich die Menschen so unter Stress? Die Daten
stehen doch wie festgemauert in einem ewigen Kalender: Der 24. Dezember
ist immer Heiligabend und der 14. Februar immer Valentinstag! Warum in
Gottes Namen wird von der Mehrzahl der Männer und Frauen immer erst am
Tag vor diesen ,Festtagen' die Geschenke und Aufmerksamkeiten
besorgt? Das er auch zu dieser Gruppe gehörte hatte seinen Grund,
schließlich hatte er als Berufstätiger keine Zeit, tagsüber durch die
Geschäfte zu flanieren und mit Ruhe und Bedacht auszusuchen, zu
probieren, zu entscheiden. Seine Zeit war begrenzt für Einkäufe. Nach
der Arbeit eben kurz das Alltägliche besorgen, in 15 Minuten durch den
am Stadtrand liegenden Supermarkt zu laufen und dabei alles, was er zum
Essen und Trinken benötigte in den Einkaufswagen zu schmeißen. Für größere,
,kompliziertere' Anschaffungen, wie einen neuen Rasierer, einen neuen
Wasserkessel musste er sich den Samstagnachmittag freihalten. Und ganz
außergewöhnliche Dinge mussten im Urlaub besorgt werden, wie den
Ersatz für die zerbrochene Untertasse aus Meisner-Porzellan im letzten
Jahr. Stunden hatte es gedauert, bis er endlich ein Fachgeschäft fand,
das bereit war Nachforschungen anzustellen, ob dieses Teil noch
lieferbar bar oder speziell für ihn angefertigt werden konnte.
Als Alleinstehender war ihm der Valentinstag egal. Er hatte Niemanden zu
beschenken. Deswegen war ihm im ersten Moment das Gewimmel der Menschen
im Supermark auch unverständlich. Erst durch die dröhnenden
Lautsprecherdurchsagen im Einkaufszentrum wurde er darauf aufmerksam
gemacht das morgen der 14. Februar war. Klaus erinnerte sich an das
letzte Jahr. Das unter ihm lebende kinderlose und ewig streitende
Ehepaar überraschte er wie Teenager küssend im Hausflur. Er war mehr
schockiert als überrascht gewesen; auch über die Geräusche, die des
Nachts aus dem Schlafzimmer des Ehepaares zu ihm durchdrangen. Erst als
er den Ehemann Tage später wieder traf und dieser drohend durch den
Hausflur seiner Frau Unflätigkeiten zurief wusste er, dass wieder
weiter alles seinen gewohnten Gang gehen würde.
Klaus schob wie immer seinen Einkaufswagen forsch durch die Gänge. Er
musste Umwege fahren um zur Milch zu kommen, da die geschäftstüchtigen
Manager des Supermarktes die Gänge mit Süßwaren und Pralinen in herzförmigen
Verpackungen zugestellt hatten. Es störte ihn in seinem gewohntem
Ablauf. Er überlegte, ob die im Kühlschrank stehende Milch für seinen
Kater Mucks nicht noch einen Tag reichen würde und er deshalb lieber
Morgen noch einmal einkaufen gehen sollte. Aber er hasste es noch mal
diesen Konsumtempel anfahren zu müssen, obwohl er an dem Weg von seiner
Arbeitsstätte zu seiner Wohnung lag. Außerdem hätte er dann keine
Milch mehr für sein Frühstück. Also lies er den Einkaufswagen vor dem
Regal mit Babynahrung stehen und bahnte sich den Weg so schneller zu den
Regalen, in denen die Waren, die er benötigte, gestapelt waren. Er
schnappte sich die Milch für den Kater, den Käse für sein Abendbrot
und die Cornflakes für sein Frühstück, jonglierte damit durch die
engen Gassen im Supermarkt und warf sie in den Wagen, dann drängte er
zur Kasse.
Lange Schlangen erwarteten ihn. Er fragte sich, warum die Supermärkte
15 Kassen haben aber davon immer nur 3 oder 4 offen waren. Er fragte
sich, warum die Oma vor ihm, mit 2 Stangen Lauch und einem Päckchen
Kamillentee, ausgerechnet zu dieser Zeit, die ja den Berufstätigen wie
ihm vorbehalten sein sollte, sich in das Getümmel stürzte. Sie hatte
doch den ganzen Tag Zeit und brauchte nicht kurz vor 20.00 Uhr ihre
Sachen einkaufen. Auf den Gedanken, dass es für diese einsame Frau die
einzige Gelegenheit war mal unter Menschen zu kommen, kam er nicht. Er
widerstand der Versuchung ihr ,aus Versehen' seinen Einkaufswagen in die
Hacken zu schieben, als sie umständlich und langwierig in ihrer Geldbörse
nach dem passenden Kleingeld
suchte, warf ihr und der hilflosen Kassiererin aber wütende Blicke zu.
Auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum herrschte das Chaos. In der
kurzen Zeit seines Aufenthaltes dort hatten dicke Schneeflocken alles
mit einer weißen Decke überzogen. Mütter mit ihren Kleinkindern - was
machten die um diese Zeit eigentlich hier? - schoben die sperrigen,
vollbepackten Einkaufswagen durch den Schnee. Klaus nahm seine
eingekauften Sachen aus dem Wagen, stopfte sie so weit es ging in die
Taschen seines Mantels und schob das sperrige Gerät in die dafür
vorgesehene Box. Wie in den Gängen des Marktes, hastete er zwischen den
parkenden Autos zu dem Abstellplatz, wo sein Fahrzeug stand. Er öffnete
die Beifahrertür und , achtete nicht auf den Schnee der auf den Sitz
fiel, leerte seine Manteltaschen und schmiss alles in den Fußraum des
Beifahrers. Mit bloßen Händen schabte er den frisch gefallenen Schnee
von den Scheiben, setzte sich auf den Fahrersitz und lies sein Fahrzeug
an. Mit quietschenden Scheibenwischern fuhr er vorsichtig vom Parkplatz.
Nach einer ihm endlosen dauernden Fahrt parkte er vor dem Mietshaus in
dem er wohnte. Der Schneefall war heftiger geworden und ein aufkommender
Wind blies die Flocken waagerecht in sein Gesicht als er ausstieg. Er
kramte seinen Haustür- und Wohnungsschlüssel aus der Jackentasche und
lief in gebückter Haltung zur Tür, schloss sie auf und stellte sie
fest. Der Wind trieb sofort den Schnee in den gefliesten Flur. Er ging
zu seinem Fahrzeug zurück und holte die eingekauften Artikel aus dem
Wagen. Da er jetzt auch noch seine Arbeitstasche mitnehmen musste konnte
er einige Dinge dort drin verstauen, so dass er seine Hände zum
Verschließen des Wagens frei hatte. So schnell er konnte lief er wieder
zum Haus. Im Hausflur angekommen verschnaufte er kurz, stellte seine
jetzt prall gefüllte Aktentasche kurz ab, schloss dann die Eingangstür
und betätigte den Lichtschalter. Schwer atmend stieg er in die zweite
Etage zu seiner Wohnung. Sein Haustier begrüßte ihn und strich mit
erhobenen Schwanz zwischen seine Beine. Er ging in die Küche leerte
seine Aktentasche auf der Spüle. Es fiel ein Brief mit heraus. Ein
Brief an das Finanzamt. Er hatte während der Pause in der Arbeit die
nette Kollegin gebeten in zu schreiben. Es war nichts aufregendes
gewesen. Nur ein paar Zeilen. Es dämmerte ihm, dass er ihr für ihre
Gefälligkeit ja ein Kleinigkeit hätte besorgen können. Wer weiß was
passiert wäre, hätte er ihr es am morgigen Tag dieses überreicht...
Ach was, für derartige Gefühle und Stimmungen war er nun wirklich zu
alt, oder etwa doch nicht? Er wusste das der Kiosk nebenan bis
Mitternacht geöffnet war. Dort bekam man alles, was man vergessen hatte
einzukaufen. Zu weit überhöhten Preisen zwar, aber dafür auch an
Sonntagen und eben mitten in der Nacht. Er musste ja noch eine
Briefmarke für seinen Brief holen. Der Kiosk hatte auch
Ansichtskarten und verkaufte hierzu auch die nötigen Marken, das wusste
er. Dabei könnte er für die Kollegin auch gleich eine von diesen in
kleinen Stangen zu 5 Stück abgepackten Nugatpralinen erstehen. Noch im
Mantel stehend nahm er seinen Kater auf den Arm streichelte sein Fell
und raunte ihm zu: ,...kleinen Moment noch, muss noch mal eben kurz
weg...' und
setzte ihn vorsichtig auf den Boden hinab. Klaus nahm den Brief, steckte
ihn in die Innentasche des Mantels, versicherte sich, das er genügend
Geld dabei hatte und schnappte sich das Schlüsselbund. Ihm graute davor
wieder in den Schnee hinaus zu gehen und schlug den Mantelkragen noch in
seiner Wohnung hoch und zog den Kopf ein bevor er die Wohnungstür
hinter sich zuzog. Er stürmte ohne Flurlicht die Treppe hinunter und öffnete
die Haustüre, zog den Kopf noch tiefer und setzte zum Sprint an... Er
erinnerte sich jetzt, wie der eine Fuß auf dem Wasser, das der
geschmolzene Schnee auf dem gefliesten Boden hinterlies, wegrutschte und
wie er vergeblich versuchte mit dem anderen Bein in dem Schnee Halt zu
finden. Dann dieser stechende Schmerz, der ihm die Sinne nahm.
Der Krankenwagen bog in die Krankenhauseinfahrt ein. Klaus wurde mit
seiner Trage auf eine Gestell gehievt und wieder durchzuckte ein höllischer
Schmerz sein Bein und er verlor erneut das Bewusstsein.
Verfasser
Norbert Geheim zur
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