Der Weg ist das Ziel

 

 

Sie erwachte von dem gleichmäßigen Rhythmus, mit dem der Regen gegen die Scheiben ihres Zimmers trommelte. Noch halb gefangen im schweren Schlaf einer durchzechten Nacht murmelte sie:" Ich habe es satt, endgültig
satt, es muss sich jetzt etwas ändern.“ Katrin wälzte sich erst einmal aus den Federn, begab sich ins Bad und versuchte ihre Gedanken zu sortieren.

Seit 18 Monaten war sie nun arbeitslos. Hatte einen sehr guten Job in einem Büro gehabt. Sie konnte schalten und walten wie sie wollte. Sicher, es hatte sie in den 8 Jahren schon immer etwas gestört, dass sie Tag ein Tag aus ganz allein unten im Keller des Wohnhauses ihres Chefs tätig sein musste. Jeden Tag nur durch ein kleines Butzenfenster hinaus in den Garten schauen zu können ist nicht gerade sehr erfrischend gewesen. Den Tag ohne Sonne zu verbringen ließ sie manchmal recht missmutig drein blicken. Aber ihre Arbeit machte ihr sehr viel Spaß. Sicher wäre sie auch heute noch dort tätig, aber der Chef hatte sich neu verliebt. Seine Neue, Frau Winter, sollte sie nun bei der täglichen Arbeit entlasten. Nur leider hatte diese noch nie im Büro gearbeitet. Ab jetzt war es ein Horror. Die Entlastung bestand darin, das sie, Katrin,  erst mal morgens den Rechner wieder in normale Arbeitsposition zurück zu bringen hatte. Anschließend musste natürlich erst einmal eine ausgiebige Frühstückspause eingelegt werden. Dabei war die Frau Winter nicht zu schlagen. Sie hatte immer etwas zu erzählen und konnte nie ein Ende finden. Nur war es, wenn endlich wieder mit der Arbeit begonnen werden konnte, schon fast Mittag und sie hatten von ihrer Arbeit fast nichts erledigen können. Oft war der Nachmittag dann sehr stressig und doch schaffte Katrin die Aufgaben nicht komplett. Natürlich kam es wie es kommen musste: der Chef war irgendwann nicht mehr mit ihrer Arbeit zufrieden, auch bekam sie immer wieder Spitzen im beisein des Chefs von Frau Winter. Es brauchte nicht lange, bis es Frau Winter geschafft hatte Katrin aus ihrem Job zu mobben. Denn sie gab schließlich auf. Sie kündigte nach vielen Auseinandersetzungen ihren Job selbst, war sie doch sicher, dass sie mit ihrer spitzen Ausbildung sofort wieder etwas Neues finden würde. Die ersten Wochen genoss sie ihre viele Zeit. Brachte ihren Haushalt und Garten in Ordnung, und nahm sich sogar die Zeit zu lesen und zu handarbeiten. Aber nach einigen Wochen wurde es ihr zu langweilig. Arbeit musste her. Die Wege zum Arbeitsamt konnte ihr Auto schon allein fahren. Aber es gab nun mal keine Arbeit. Ihre Bewerbungen und die dazugehörigen Absagen konnte Katrin schon fast nicht mehr zählen. Wenn es wieder mal kurz vor knapp war, das sie keine finanzielle Unterstützung mehr bekommen sollte, dann fiel irgend einem ihrer zahlreichen Sachbearbeiter wieder mal ein Kurs zur Fortbildung ein, und so verging die Zeit. Sicher, sie hatte dadurch auch viel aufgefrischt, doch eigentlich kannte sie die Materie ja von der Schule und der Praxis her aus dem FF.  Und je mehr Fortbildungen sie besuchte, je mehr Probleme bekam sie. Lauteten die Gründe für Absagen doch sowieso schon: „Tut uns leid, für diese Tätigkeit sind sie Überqualifiziert!“ Wieder einmal klang ein Stellenangebot sehr interresant. Sie besprach sich mit ihrem Sachbearbeiter, doch dieser riet ihr wehement ab. Entsprach dieser Job doch wieder mal nicht ihren Qualifikationen. Wenn Katrin nun trotzdem diese Arbeit annehme, dann würde sie sich auf Dauer ihre eigenen Zeugnisse, ihre Sozialleistungen usw. kaputt machen. Sie wusste dies, aber war es nicht besser irgend eine Arbeit anzunehmen, als immer nur zu Hause zu sein. Überhaupt nicht mehr am aktiven, wirklichen  Leben teil nehmen zu können? Ihr gesamter Lebensrhythmus entsprach nicht mehr dem eines normalen Lebens . Abends konnte sie nicht in die Federn finden, hatte inzwischen einen recht zwielichtigen Freundeskreis. Es wurde bis tief in der Nacht irgendwo zusammen gesessen, getrunken, oft auch irgend etwas an kleinen Pillen geschluckt und so verging Tag für Tag, Woche für Woche. Der Tag wurde zur Nacht und in den Nächten konnte sie allein keine Ruhe finden und von ihren Freunden kam sie nicht wieder los, wollte sie doch kein „Weichei“ sein.. Das Rad schien sich unüberwindbar um sie herum zu drehen. Auch gestern hatten sie wieder bis zum Frühen morgen in der Garage vom Pit gesessen und hatten über Gott, Staat und die Welt philosophiert. Aber etwas produktives kam doch nicht heraus. Jetzt stand sie unter der Dusche und wusste, sie muss selbst etwas unternehmen. Muss sich selbst aus dieser Situation heraus holen, muss sich auf den Weg machen um ans Ziel zu kommen, nicht nur abwarten, was andere wohl für sie tun Nach dem Bad, einem guten Frühstück, also wohlgestärkt und mit sehr viel Unternehmungslust begab sie sich erst einmal zu  ihrer alten Freundin, die sie schon lange sehr vernachlässigt hatte. Es wurde ein sehr angenehmes und langes Gespräch. Dabei wurden unter anderem Stellenangebote, Ehrenämter  und sonstige Jobs unter die Lupe genommen. Am späten Nachmittag sind zahlreiche Telefonate in die verschiedensten Groß-, Mittel- und Kleinbetriebe erfolgt. Als sie Abends mit einem Gläschen zusammen anstoßen, können beide sehr stolz und Katrin beruhigt sein. Sie hat die Möglichkeit sich während eines 6 wöchigen Praktikums zu beweisen. Sicher, sie weiß bis zu einer Festeinstellung ist noch ein weiter Weg, aber bei dem Praktikum und später bei dem hoffentlich folgenden Probearbeitsverhältnis wollte sie so gut wie möglich sein.

 

     Verfasser Christine Schelle                                                                                 zurück