Fehl- Probealarm, oder geht es doch los??...



Sie liegt seit 4 Wochen in der Klinik und weiß, daß sie wohl ohne
Lungentransplantation diese nicht wieder verlassen wird. Aber darauf hat sie
sich ja auch in den letzten 4 Jahren vorbereitet. Die Oberärzte prophezeihen
ihr eine langweilige Wartezeit. Ihre Ambulanzärztin sagt ihr mindestens 3
Krankenhauskoller voraus. Aber eigentlich findet sie es hier wiedererwartend
recht nett, wenn man bedenkt, daß sie am liebsten reiß aus genommen hätte,
als sie von der Intensivstation in dieses 4 Bettzimmer geschoben wurde. Aber
zu ihrer Zufriedenheit hat sie sich damals selbst zurückgehalten und sich
gedacht "Halt den Ball erst mal flach, du kannst sowieso nicht weglaufen,
und vielleicht wird es ja ganz nett....."
Das Einzige was ihr etwas zu schaffen macht ist, daß jeden Montag die
Meldung zur Dringlichkeitsliste neu gemacht werden muß... Ein Gremium
entscheidet anhand der Werte jeweils neu, ob die Dringlichkeit auch
vorliegt...  und sie weiß doch, daß ihre Lungenwert, Vitalkapazietät, FEV1,
ihr PCo2 und auch ihre Sättigung mit 2,5 Liter O2 zusätzlich, nicht richtig
schlecht sind. Da gibt es Andere,
mit ganz anderen Werten. Doch ihre Schwierigkeit sind die Entzündungswerte.
Seit Monaten schon bekommt sie in eins durch Antibiotika bespritzt und bei
den kleinsten Pausen von ein paar Tagen steigen die Entzündungswerte sofort
wieder an.

Heute ist wieder Montag und 17.30 Uhr. Der Stationsarzt kommt ins Zimmer,
lächelt freundlich und sagt: "Guten Abend, die Chirurgen möchten noch mal
ein wenig Blut von ihnen haben." Naja, HU Meldung (Dringlichkeitsmeldung),
kein Problem. Doch als er das Tablett absetzt traut sie ihren Augen nicht:
Sie zählt laut und grinsend vor, fast ein wenig sarkastisch: 1, 2, 3,
.......   15 Rollen Blut,
Nasenabstrich, Rachenabstrich, 2 Sputumproben und noch 2 mal Piepi..... sie
fragt noch, ob es denn jetzt los gehen solle mit der TX. Doch der Arzt
verneint, und fragt: wie sie darauf käme.... ja und dann überlegt sie
selbst und sagt, so lange sie nicht zur Bronchioskopie müsse, denn dies sei
das letzte vor einer TX, wie sie gehört habe, ginge es wohl echt nicht los.
Der Arzt beruhigte sie, daß sie lediglich im Anschluß der Blutentnahme zum
Röntgen müsse....
Als der Doc sein Geraffel erledigt hat und gegangen ist, schaut sie ihre
Zimmernachbarin an, eine Arzthelferin, und bekommt dann doch das große
Flennen, denn irgendwie kommt ihr das alles etwas unheimlich vor....
Und tatsächlich -15 min später hockt der Doc auf ihrem Bett, hält ihre Hand
und teilt ihr mit, ein Organ für sie sei unterwegs  im Heli und dies bereits
im Anflug auf  Hannover......  wenn nix dazwischen kommt.....
puuuuuuhhhh..... Da geht die Schleuse richtig auf....  sie zittert am ganzen
Körper....... zerquetscht ihm fast die Hand.....   4 Jahre warten auf eine
Lunge, und heute soll es soweit
sein...... Das Waten Warten Warten soll heute zu Ende sein.... Wünsche.....
Hoffnungen.....   Die Worte: "Das ist ja toll!!!"  bekommt sie gerade noch
raus...... Ihre Gedanken überschlagen sich, drehen sich im Kreis.....  kann
es sein, daß sie jetzt wirklich noch mal die Chance bekommt, daß sie noch
mal Leben darf, jetzt in bald so greifbarer Nähe....  wo sie so sehr dran
geglaubt hat und so sehr darauf gehofft hat.... heute diese Nacht..... Der
Anästhesist käme noch und würde ihr alles erklären und sie müsse auch noch
unterschreiben....... ja und sie solle den Doc jetzt nicht auf eine Uhrzeit
für die OP festnageln.....
Bis 19 Uhr hält sie es aus, dann ruft sie ihre Freundin an und bittet sie in
die Klinik. Es wird eine lange Nacht... Ängste und Tränen....  Gedanken,
Hoffnungen, Sehnsüchte und
Träume werden endlich laut ausgesprochen...   sind soooo greifbar nahe....
Bis 23 Uhr tut sich nichts. Beide
versuchen etwas zur Ruhe zu kommen, was in einem 4 Bettzimmer natürlich gar
nicht so leicht ist. Um 0.30 Uhr kaspert der diensthabende Pfleger in der
Tür herum, berichtet aber nur, daß die Chirurgen angerufen haben, ob die
Patientin denn noch warten würde.... Der Anästhesist betritt um 2 Uhr in der
Frühe ihr Reich und ist super toll. Erklärt alles, sieht topp fitt und
frisch aus, und das um diese Uhrzeit..... Denn ihre Gedanken gehen dahin,
daß sie doch ausgeschlafene Ärzte möchte, die richtig fitt sind und wissen
was sie tun. Auf ihre Frage hin, ob es denn jetzt so spät echt noch los
ginge antwortete er:  "Natürlich, es kann nicht mehr lange dauern, wir
machen noch die Herz-TX
fertig, bei der ich auch dabei bin, und dann kommt gleich der Bettenfahrer
und holt sie....."  ohhh schön,ohhh graus.... Die Spannung steigt wieder....
an Ruhe echt nicht zu denken...
Fast 4 Uhr die Tür geht auf....  " Frau Schelle, es tut uns leid, die Lunge
war uns nicht gut genug für sie, wir müssen jetzt leider doch die OP
absagen.".....  Rums... Enttäuschung.... Ein Kloß in der Kehle....  Aber
auch gleichzeitig Erleichterung... Zeigt ihr doch die Wortwahl des
Chirurgen, daß sie ihr
nicht irgend etwas einbauen würden... Dann doch lieber etwas warten, denn
sie wartet jetzt schon sooo lange, und sie möchte doch hinterher Leben, es
soll ihr hinterher gut gehen, dafür braucht sie doch das ausgewählte Organ,
das Organ was wirklich zu ihr paßt....


Eine Woche später wird sie mitten in der Nacht wach, als eine Ärztin im
Zimmer ist und leise zu ihr spricht:"Frau Schelle ich muß ihnen mal Blut
abnehmen, es liegt ein Organangebot für sie vor." Etwas verschlafen legt sie
ihren linken Arm zurecht und antwortet: "bitte bedienen sie sich." Auch
anschließend bei den Rest der Proben die die Ärztin braucht und beim
Röntgen, wird sie nicht richtig wach. Dem schnuckeligen Chirurgen, der ihr
dies mal die OP erklärt, kann sie gerade so folgen, obwohl seine hübschen
Augen sie in diesem Moment viel mehr interessieren. Als sie ihre
Unterschrift geleistet hat, kuschelt sie sich zurück in ihr Kissen und
gleitet wieder hinüber ins Reich der Träumenden...... Denn was soll sie auch
machen????.... letzte Woche hatte sie sich ja zusammen mit ihrer Freundin
genug verrückt gemacht.... Offene Fragen und Ängste wurden besprochen.....
sie hatte mit ihr zusammen gewint und gelacht.....
und je schneller sie jetzt wirklich wieder einschlief, je kürzer wird die
Zeit, wann sie geholt würde...  In der Frühe um 6 und um 7 Uhr versucht sie
ihre Freundin zu erreichen, doch irgendwie hat sie es nicht drauf, und
versucht es immer nur im Festnetz...  auf die Idee sie auf ihrem Handy
anzurufen
kommt sie gar nicht.....  nix geht... also wird sich wieder zur
Seite gelegt und weiter geschlafen.... dann wird sie wieder wach, greift
ganz automatisch wieder zum Handy und will telefonieren, da sieht sie eine
Schwester mit ihrer Krankenakte und einem weißen Flügelhemd darauf vor ihrem
Bett stehen, die sie sofort ausbremst mit den Worten: "Nix da telefonieren,
jetzt geht´s
los, umziehen, zack zack.......  im OP warten sie schon......"


Nachtrag:

dies ist am 23. und am 31. Juli 2001 passiert. Und 3 Wochen später bin ich
in mein neues Leben entlassen worden....  Von 8 bis 15 Uhr war ich im OP
gewesen, schon in der kommenden Nacht wollten sie mich extubieren, wo ich
doch aber soooo müde war und ich fest damit gerechnet hatte, daß man ein
paar Tage schlafend gehalten wird.... ich habe immer gemeint das stünde
einer so alten CF´lerin auch dienstrangmäßig zu..... da habe ich mich schon
ein wenig geweigert allein zu atmen, aber in der Frühe um 9.30 Uhr konnte
ich mich nicht mehr wehren: Ich wurde extubiert.... konnte wieder  Luft
holen, rede.....  und mir war und ist das alles irgendwie etwas unheimlich,
ich
habe noch mal ein Leben geschenkt bekommen.....

"Der liebe Gott muß mich schon mögen, daß er mir noch mal so eine Chance
gibt." Worauf eine Bekannte antwortet: "Uns aber auch, daß er dich bei uns
läßt."