Als Robert Tools aufwacht, blickt er in
grelles Licht. Vor seinen Augen schweben zwei Rechtecke, die ihn
blenden. Unter sich spürt er etwas Weiches. Er hört ein
zischendes Geräusch, das immer wieder aussetzt und neu
anschwillt. Er hört auch ein leises Tropfen. Seine Kehle ist
blockiert, aber sein Brustkorb bewegt sich. Er atmet, das nimmt
er wahr, aber er merkt auch, dass die eigene Kraft dafür nicht
reicht.
Der Katholik Robert Tools stellt fest, dass er nicht im
Jenseits ist.
Könnte er sich in seinem Bett aufrichten, Tools blickte
durch eine Wand aus Glas auf eine Konsole voller
Computerschirme, auf Männer und Frauen in weißen Kitteln. Er sähe
sie neben dem Bett an einer grauen Säule hantieren, von der
sich Schläuche und Kabel aus durchsichtigen Flaschen und
elektrischen Geräten zu seinem Körper ziehen. Könnte Tools
sich umdrehen, er blickte durch ein breites, von Blechlamellen
vor Sonnenlicht geschütztes Fenster auf eine Schotterfläche.
Auf dem Dach des Gebäudes gegenüber ist die amerikanische
Flagge aufgesteckt, sie weht im Wind. An der Wand des Zimmers hängt
eine große Uhr. Ihr roter Sekundenzeiger bewegt sich lautlos.
Robert Tools' erster Gedanke ist: "Danke, Gott." Er
hat die Operation überlebt. In ihm schlägt jetzt ein Herz aus
Kunststoff und Titan mit dem Markennamen Abiocor. Sein Herz war
krank, ohne das neue wäre er wohl tot. Er ist der erste Mensch,
der dieses Herz in sich trägt, das Resultat jahrzehntelanger
Forschungsarbeit. Die Ärzte hatten es zuvor nur an Tieren
ausprobiert, hatten das Einsetzen an Leichen geübt. Sie wussten
nicht einmal, ob es ausreichend Blut pumpen würde. Sie wissen
nicht, wie lange es durchhalten wird. Tools ist das egal. Er
freut sich über jede Sekunde, die der Zeiger an der Uhr vorrückt,
auch wenn er nicht weiß, wie viel Zeit ihm bleibt.
Es ist der 2. Juli 2001: der Tag, an dem im Jewish Hospital
in Louisville, US-Bundesstaat Kentucky, Robert Tools' zweites
Leben beginnt. Seine Frau Carol ist bei ihm auf der
Intensivstation. Was sie sieht, ist für sie schwer zu ertragen:
Er liegt unter zwei gleißenden Neonlampen, um ihn herum
Maschinen. Vierzehn Schläuche und Kabel, zählt sie, führen zu
seinem Körper. Er kann nicht sprechen; aus seinem Mund ragt der
Schlauch eines Beatmungsapparats. In der 20 Zentimeter langen
Naht in der Brust stecken Schläuche, durch die Blut und Wundflüssigkeit
abfließen. Unterhalb des Halses sind drei Katheter in Arterien
eingeführt; sie messen den Blutstrom in den Herzvorhöfen. Aus
Infusionsflaschen tröpfeln Medikamente in eine Kanüle am
Handgelenk.
Er sagte immer: "Das wird schon wieder werden"
Tools hält mit Mühe die Augen offen. Er ist abgemergelt wie
ein Hungeropfer aus einem Krisengebiet. Das alte Herz konnte
Organe und Muskeln nicht mehr mit genügend Nährstoffen
versorgen. Seine Frau sagt: "Du siehst schon viel besser
aus." Er hat tatsächlich eine frischere Gesichtsfarbe. Er
bewegt den Kopf als Zeichen, dass er versteht. Carol hat zu ihm
gehalten in den neun Jahren seit dem Infarkt; in denen Leber und
Nieren zu versagen drohten; in denen die Ärzte entschieden, die
Transplantation eines echten Herzens lohne sich nicht. Als sie
in einer Zeitschrift von einem Kunstherzen las, das getestet
werden sollte in einer Klinik in Louisville, setzte sie Robert
in ihren Mitsubishi-Jeep und fuhr los. Er konnte längst nicht
mehr laufen, hing an einer Sauerstoffflasche. Carol hat oft
damit gerechnet, dass er sterben würde. Er sagte immer:
"Das wird schon wieder werden." Daran denkt sie jetzt,
als sie neben seinem Bett steht. Er ist in ihren Gedanken so oft
gestorben - sie ! hat das Gefühl, sie wohne einer
Wiederauferstehung bei.
Robert Tools, von schwarzer Hautfarbe und im tiefen Süden
der USA, in Alabama, geboren, war 50 Jahre alt, als Chirurgen
vier Bypässe an sein Herz legten. Zu viele Herzkranzgefäße
waren nach einem Infarkt verstopft. Carol und er lebten in den
Bergen von Colorado. Von der Garage bis zum Haus waren es 42
Treppenstufen. Die schaffte Robert, 1,90 Meter groß und ein kräftiger
Kerl, bald nicht mehr. Das Paar zog aufs flache Land nach
Kentucky, wegen des höheren Sauerstoffgehalts der Luft. Robert
lag meistens im Bett, weil er zu müde zum Aufstehen war. Wenn
er schlief, sah Carol öfter nach, ob er noch atmete. Er hatte
keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mann, der gut gelaunt vom
Fischen oder Jagen nach Hause kam; der als Buchhalter bei einer
Telefonfirma gearbeitet hatte. Ein Kumpeltyp, den die Kollegen
mochten. Carol weigerte sich, Fotos von ihm zu machen. Er schien
geschrumpft zu sein. Er sah aus, als wäre er schon tot.
Einer der beiden Männer, die Robert Tools das kranke Herz
aus der Brust schnitten, erinnert sich auch heute noch gut an
den Moment, in dem er Tools zum ersten Mal begegnete. Er habe an
der Tür innegehalten, bevor er ins Krankenzimmer getreten sei,
so hat ihn der Anblick berührt: "Tools saß an einem Tisch
und versuchte zu essen. Er brachte kaum die Gabel in den
Mund." Der Arzt musste sich vor den Patienten knien, um mit
ihm zu sprechen; Tools konnte nicht zu ihm aufsehen. Robert
Dowling versuchte erst gar nicht, seine Freude zu verbergen: Da
saß der Freiwillige für das Experiment, auf das er sich seit
vier Jahren vorbereitet hatte. Die amerikanische Gesundheitsbehörde
erlaubt Tests mit dem neuen Herzen nur an Männern, die
praktisch keine Chance haben, länger als 30 Tage zu leben. Für
Frauen ist das Herz zu groß.
Carol Tools sagt: "Bob war von den Ärzten genauso
begeistert wie sie von ihm."
Der Chirurg Robert Dowling ist ein Mann von 42 Jahren. Seine
Haare sind bereits grau. Mit seinem Kollegen Laman Gray hat er
Tools operiert. Dowling trägt dunkle Hosen und eine Krawatte.
Mit seinen kräftigen Unterarmen hat er Hunderte von
Spenderherzen in Brustkörbe gehoben. Und er hat auch dies
getan: Er hat das erste voll implantierbare Kunstherz der Welt
verpflanzt. Seine Leistung wirkt in ihm immer noch nach wie ein
Rausch. Er redet zu schnell. Wenn er sich in seinem Sessel zurücklehnt
und die Arme hinter dem Kopf verschränkt mit einem
siegessicheren Lächeln, zeigen sich große Schweißflecken auf
seinem Hemd.
Dowling hat einen schwarzen Koffer dabei. "Wollen Sie
das Herz mal sehen?" Er klappt den Koffer auf. Das Herz ist
aus durchsichtigem Kunststoff und so groß wie eine Grapefruit.
Dowling holt es heraus, lässt es von einer Hand in die andere hüpfen.
Es hat vier Öffnungen. Um seine Mitte läuft ein Ring aus
Metall. Die beiden Kammern werden von einer Art Membran
getrennt, in der ein Elektromotor sitzt. Er pumpt bis zu zehn
Liter Blut pro Minute. Das müsste theoretisch reichen für
leichtes Tennis. Der Arzt lässt das Herz zurück in den Koffer
fallen. Es ist ein älteres Modell.
"Natürlich haben wir Herrn Tools über die Risiken
aufgeklärt." Tools Brustkorb hätte am Ende doch zu klein
sein können, trotz der Messungen und Computermodelle; die
Verbindungsschläuche hätten knicken, die vielen Stiche nicht
richtig schließen können. Das Herz hätte vielleicht keinen
einzigen Schlag getan, trotz aller Laborversuche. Die von
Rechtsanwälten vorbereitete Einverständniserklärung hat 13
Seiten. Die Ärzte machen Robert Tools lediglich Hoffnung auf
zwei weitere Monate Leben, und sie sagen auch, dass es ein
schreckliches Leben sein könnte. Hersteller und Klinik tragen
alle Kosten. Tools unterschreibt. Er ist das 44. Versuchstier
nach 40 Kälbern und drei Schweinen.
Die Vorbereitungen im Herzzentrum dauern fünf Tage. Die Ärzte
fürchten, dass Tools nicht so lange durchhält. Kurz vor der
Operation hat Carol Tools eine Vorahnung. Sie ist sich plötzlich
sicher, dass er es nicht schaffen wird. Sie denkt:
"Vielleicht wäre das ja ein Segen."
Die Ärzte lassen eine Kamera laufen, während sie Robert
Tools aufschneiden. Dowling hat den Film in seinem Laptop
gespeichert. Man sieht grüne OP-Tücher und acht Hände in
Gummihandschuhen. In der Mitte sieht man etwas Blutiges.
"Da rechts bin ich", sagt Dowling.
Es ist kein schöner Anblick, als Dowling und Gray am 2. Juli
um 8.30 Uhr Tools' Brustkorb öffnen und beginnen, aus ihm einen
berühmten Mann zu machen. Um den OP-Tisch stehen 15 Ärzte,
Schwestern, Techniker. Das kranke Herz ist geschwollen, dreimal
so groß wie normal. Es hat viele Narben, dort, wo der Infarkt
Gewebe zerstört hat. Der Druck in der rechten Herzkammer, die
Blut in die Lunge drückt, ist um ein Sechsfaches zu hoch; der
Druck in der linken, die den Körper mit sauerstoffreichem Blut
versorgt, zu niedrig. Die Chirurgen klemmen die Schlagadern ab
und leiten den Blutstrom in eine Maschine. Im Film sieht man,
wie sie das Herz herausschneiden in kleinen Stücken.
Er freut sich so, am Leben zu sein, dass er nicht
einschlafen will
An die Herzvorhöfe, die sie drinlassen, nähen sie
Kunststoffmanschetten. An die Schlagadern nähen sie etwas längere
Röhren. Die vier Anschlüsse enden in je einem
Schnappverschluss aus Metall. Um 12.30 Uhr legen sie das neue
Herz in den Brustkorb und stecken die Anschlüsse fest. Sie
stopfen zwei silberfarbene Schachteln in den Bauch, die Batterie
und den Sender für die Computerüberwachung. Sie legen eine
kleine Scheibe in die rechte Brust - eine Spule, über die die
Batterie von außen geladen wird. Sie ziehen Kabel. Um 14 Uhr nähen
sie Robert Tools wieder zu. Sein neues Herz ist größer als ein
normales Herz und fast dreimal so schwer. Am Abend wird Tools
noch einmal operiert, weil an einer Naht Blut austritt. Dann
wird er endgültig auf die Intensivstation gerollt.
Robert Tools' neues Herz pumpt Blut durch Arterien und Venen,
durch Organe und Muskeln, sieben Liter pro Minute, wenn der
Patient ruht. Es schlägt fast 200 000-mal am Tag. Aber
Tools ist noch lange nicht wieder der Mann, der er vor langer
Zeit einmal war. Er verdämmert die Stunden. Der Atemschlauch in
seiner Luftröhre quält ihn. Carol kommt jeden Morgen, bleibt
bis spät in die Nacht. Sie wohnt in einem Hotel. Sie hat ihren
Job aufgegeben, um bei ihm zu sein. Die Ärzte sagen, dass so
die Heilungschancen stiegen. Ständig sind Schwestern um den
Patienten, drehen an Knöpfen, tippen auf Tastaturen. Sie
berichten Tools von der hervorragenden Pumpleistung seines
Herzens, dem optimalen Druck in den Arterien, der lebensverlängernden
Zufuhr von Blutverdünnern und Antibiotika. Er spürt nur, dass
er keinen normalen Herzschlag hat. Wenn alles still ist, hört
er ein wisperndes Geräusch. Die Schwestern drücken ein
Stethoskop auf seine Brust und hören den Motor sirren wie eine
weit entf! ernte Sirene.
Im Nebenraum wachen zwei Techniker der Firma Abiomed, die das
künstliche Herz entwickelt hat. Sie beobachten den Patienten
durch ein Fenster, prüfen die Signale der elektronischen
Steuerung, 120 Pumpvorgänge in der Minute. Die Aktien des
Unternehmens werden an der Börse gehandelt. Das Krankenhaus hätte
die Operation gerne ein paar Wochen geheim gehalten, doch
irgendwie erfährt davon eine Nachrichtenagentur. Einen Tag später
berichten alle großen TV-Sender und Zeitungen des Landes über
den Mann mit dem Kunstherzen, dessen Namen sie noch nicht
kennen. Sie wecken die Hoffnung Tausender Kranker und nennen das
Ereignis einen "Meilenstein in der Geschichte der
Medizin".
Am dritten Tag nach der Operation holen die Ärzte den
Schlauch aus Robert Tools' Hals. Seine Stimme ist nur ein
Rumpeln und Knirschen, ein Geräusch wie aus den Tiefen eines
kaputten Staubsaugers. Aber er redet. Und er hört nicht auf. Er
hat ein Leben geschenkt bekommen, es drängt aus ihm heraus.
Wenn er könnte, würde er jubeln. Er dankt den Chirurgen. Er
dankt den Schwestern. Er dankt seiner Frau. Er sagt, es rieche
so gut in seinem Zimmer. Die Schwestern seien so schöne Frauen.
Er fragt auch nach seiner Steuerrückzahlung. Er hat nie daran
geglaubt, dass er jetzt schon sterben würde. Er freut sich so,
am Leben zu sein, dass er nicht einschlafen will. Dann schläft
er vor Erschöpfung ein.
Robert Tools muss wieder an die Maschine. Seine Lunge ist zu
schwach. Die Ärzte schneiden ein Loch in seinen Hals, durch das
sie ihn beatmen. Der Kehlkopf ist frei, so er kann wenigstens
sprechen. Sie legen einen dünnen Schlauch durch die Nase in den
Magen, für eine Nährstofflösung. Langsam kehrt Leben in
Robert Tools zurück. Die Schwestern helfen ihm, sich einmal am
Tag in einen Stuhl zu setzen. Das erfordert seine ganze Kraft.
Die Schwestern binden ihm einen Gürtel mit Batterien um, damit
er sich frei bewegen kann. Die Batterie in seiner Brust hält
nur eine halbe Stunde. Er beginnt eine Physiotherapie, stemmt
mit Armen und Beinen 500-Gramm-Gewichte. Später schafft er
zweieinhalb Kilo. In einem eigens für Patienten wie ihn
eingerichteten Raum lernt er noch einmal, wie man einen
Bordstein überwindet. Er hebt Pappschachteln in einen
Einkaufswagen. Am liebsten aber trainiert er, wie man in ein
Auto steigt. Es ist das Modell eines weißen Buick mit
abgeschnittener Kühlerhaub! e, die in einer Wand feststeckt. Er
träumt davon, der Wagen bringe ihn hier raus.
Die Ärzte stehen neben seinem Bett mit einem breiten Lächeln.
Tools überwindet eine Lungenentzündung. Er überlebt eine vorübergehend
blockierte Ader im Hirn, die das Sprachzentrum lähmt; ein paar
Tage lallt er nur. Leber und Nieren arbeiten wieder normal.
Seine Diabetes ist unter Kontrolle. Nur die Blutverdünner verträgt
er nicht. Immer wieder blutet seine Nase, sein Magen. Die Ärzte
setzen die Blutverdünner ab. Jetzt haben sie Angst, ein
Gerinnsel im Hirn könnte ihn das Leben kosten.
Der 31. Juli 2001 ist Robert Tools' 59. Geburtstag. Er lässt
die Feier in einem Rollstuhl über sich ergehen. Auf seinen
hohlen Wangen liegt eine stille Freude. Er bekommt Glückwunschkarten,
von der Herzfirma einen Pullover und eine Baseballmütze mit der
Aufschrift "Champ Nr. 1". Die Ärzte schenken ihm
einen Angelgutschein. Alle, die an diesem Nachmittag bei ihm
sind, feiern sich auch irgendwie selbst.
Ende August hat Robert Tools endlich genug Kraft, sich seinem
Ruhm zu stellen. Amerika ist neugierig auf ihn, als wäre er der
erste Mann auf dem Mond. Die Ärzte müssen ihn stützen, als
sie ihn in das Zimmer führen, in dem eine Kamera aufgebaut ist.
Er trägt ein blaues Hemd, eine rote Krawatte und zu große weiße
Turnschuhe. Die Kamera überträgt die Bilder in den Raum, in
dem die Journalisten warten. Ein Kabel ragt aus Tools'
Hemdbrust. Es führt zu dem Überwachungscomputer, den ein
Pfleger auf einer Konsole hinter ihm herrollt.
Aus Robert Tools' Kehle kommt erst nur ein Quietschen. Er
legt einen Finger auf das Loch in seinem Hals, aus dem sie den
Atemschlauch entfernt haben. So ist er halbwegs zu verstehen. Er
spricht trotzdem einige Tonlagen zu hoch. Er sagt, er habe sich
immer noch nicht an das Herz gewöhnt. Es sei so schwer in
seiner Brust. Er guckt ein wenig schief, als sei auch der Kopf
eine Last. Er weiß, dass manche ihn für das Opfer eines
Menschenversuchs halten. Das will er richtig stellen. Er sagt:
"Ich habe um dieses Experiment gebeten, weil ich keine
andere Chance hatte."
Nach ein paar Minuten geht Tools der Atem aus.
Dowling sitzt neben ihm und lächelt. "Das Leben ist
wunderschön", sagt er, als wisse er, dass Tools das noch
hat sagen wollen. Amerika liebt die Zuversicht. Es liebt die
Selbstbestätigung. Am selben Tag entsteht ein Foto. Tools hält
ein Modell seines Herzens in die Kamera - und eine Faust mit
hoch gestrecktem Daumen.
Anfang September halten die Ärzte Robert Tools für stark
genug, die Intensivstation endgültig zu verlassen. Er sträubt
sich. Er findet, er sei noch nicht so weit. Der Anblick des
Raums mit den vielen Apparaturen und stets bemühten Schwestern
ist in ihm verschmolzen mit dem Gefühl, dass auch auf die
Maschine Verlass ist in seiner Brust. Widerwillig bezieht er das
Zimmer 439 auf der gewöhnlichen Krankenstation. Es ist klein
und dunkel. Vor dem Fenster gibt es ein bisschen Grün.
Er schläft schlecht. Meistens wacht er gegen sechs Uhr auf,
eine Stunde bevor die Schwestern kommen, um ihn zu wecken. Oft
hat er keine Lust aufzustehen. Er will keine Gewichte heben. Die
Schwestern drängen ihn. Er fühlt sich auf der Krankenstation
wie in einem Gefängnis. Es ist so verdammt still hier. Er sehnt
sich nach Lärm. Er sehnt sich sogar danach, jemand würde ihn
anbrüllen. Alles ist besser als diese qualvolle Stille. Er lässt
sich einen Kassettenrekorder mitbringen, stellt Countrymusik
laut. Er leiht sich Filme und Hörbücher aus, am liebsten
Western. Immerhin kann er jetzt zur Toilette gehen, muss nicht
mehr die Bettpfanne benutzen. Er geht duschen. Die Schwestern
helfen ihm, die Kabel abzunehmen und die Übertragungsspule, die
auf seine Brust geklebt ist. Er schafft es sogar, das Gebäude
zu verlassen. Dann trägt er die großen Batterien am Gürtel,
und eine Schwester schiebt seinen Rollstuhl, Ersatzbatterien im
Gepäck. Tools besucht das Krankenhauscafé auf der and! eren
Straßenseite. Er macht ein paar Schritte über den Campus der
Universitätsklinik. Er wundert sich, dass ihn Leute, die er gar
nicht kennt, auf einmal grüßen. Er ist der Mr. Tools, der im
Fernsehen war. Er ist so etwas wie ein Star.
Er bekommt Briefe von Menschen, die sein Schicksal "zu
Tränen rührt". Er bekommt ein Foto des US-Präsidenten
mit Autogramm. Eine bekannte Countryband besucht ihn, um mit ihm
zu frühstücken. Muhammad Ali steht plötzlich im Zimmer. Der
ehemalige Boxer stammt aus Louisville, er will Tools die Hand
schütteln. Er hat auch viel einstecken müssen; das müssen
Sieger immer. Tools beantwortet Briefe, gibt Interviews. Carol
hilft ihm dabei. Sie verabredet auch seine Pressetermine. Ein
Kind hat Robert eine aufgehende Sonne auf Papier gemalt, die er
sich ins Zimmer hängt.
Der Oktober wird der große Monat von Robert Tools. Er darf
das Klinikgelände verlassen. Er macht Ausflüge, geht essen in
Restaurants. In dem Krankenwagen, der ihn hinbringt, sitzen
neben ihm und dem Fahrer: ein Arzt, eine Krankenschwester, ein
Herztechniker und seine Frau. Zuvor sind die Techniker mit einem
Messwagen durch die ganze Stadt gefahren, um sicherzustellen,
dass keine Radiowelle die empfindliche Steuerung des Herzens stört.
Tools isst Hamburger und Schweinerippchen vom Holzkohlengrill,
belagert von Journalisten. Er trinkt Milchshakes. Er bestellt
sich Eiskrem. Der Bürgermeister lädt ihn ein zu dem
Traditionsgericht dirty rice, Reis und Innereien. Zum
Nachtisch gibt es Zitronenkuchen. Tools bringt nie mehr als ein
paar Bissen hinunter, kann gerade ein bis zwei Häuserblocks
weit gehen. Der Hamburger bereitet ihm Übelkeit. Aber er lächelt
in die Kameras. Er weiß, was man von ihm erwartet. Für ihn ist
das alles nur ein Vorgeschmack auf das Leben, nach dem e! r
greift. Sein Herz schlägt jetzt seit mehr als drei Monaten.
Robert Tools beginnt zu träumen. Er träumt vom Besten, das
er verloren hat: von den Freuden eines starken Körpers. Er erzählt
den Schwestern von dem Fischerboot, das er besaß; von den
Angelwettbewerben auf den Seen in Colorado, bei denen er Pokale
gewann; von der Fasanenjagd und seinem Holzhaus im Wald. Er
macht Witze über seinen Tod: "Ich darf nicht sterben,
sonst verschwendet Carol das Geld der Versichung an einen
anderen Mann." Er gibt ein langes Fernsehinterview mit
seiner Frau - keine Kabel, keine Schläuche, sie wirken fast wie
ein normales Paar. Er hat Pläne. "Ich möchte meinen Sohn,
meine Tochter und meine Enkel sehen", sagt er, die Kinder
stammen aus einer früheren Ehe. "Ich möchte Freunde
besuchen. Ich möchte quer durch Amerika reisen." Die Ärzte
sagen, er dürfe vielleicht zu Weihnachten ein paar Tage heim.
Sie gehen mit ihm fischen an einen Weiher. Die Herbstsonne
leuchtet. Alle sind gut gelaunt. Niemand fängt einen Fisch.
Zum 1. November mietet Carol Tools ein Apartment in der Nähe
der Klinik. Louisville hat eine Million Einwohner und ein paar
Wolkenkratzer. Hier ist es nicht so langweilig wie in dem
kleinen Ort im Süden von Kentucky, wo sie bisher wohnten,
findet Carol. Hier will sie mit Bob leben. Sie wird lernen, die
Batterien für ihn zu wechseln. Irgendwann wird er nur noch
einmal im Monat ins Krankenhaus müssen, zur Kontrolle. Sein
Herz wird per Internet überwacht werden. Er wird einkaufen
gehen können und ins Kino, haben die Ärzte versprochen. So
optimistisch sind sie jetzt. Nur Sport soll er nicht treiben -
das Herz auf Höchstleistung zu schalten wagen die Ärzte nicht.
Sollte es einmal defekt sein, hofft Carol, werden sie es
rechtzeitig austauschen. Sie hat Robert wieder. Was für ein
Geschenk. Sie ist glücklich, zum ersten Mal seit vielen Jahren.
Sie denkt aber auch, dass es "ein wenig voreilig" war,
eine Wohnung zu mieten.
Zehn Tage später fällt Robert Tools in der Klinik aus dem
Rollstuhl. Er hatte sich gerade angezogen für ein Interview mit
CNN, trägt Hemd und Krawatte. Er kann nicht mehr sprechen, den
rechten Arm nicht mehr bewegen. Ein Schlaganfall hat ein Viertel
seines Gehirns zerstört. "Wenn ich mich nicht mehr
mitteilen kann, möchte ich lieber sterben", hat Robert
einmal gesagt. Carol nimmt sich vor, wenigstens sechs Monate zu
warten. Sie redet Robert ein, er mache Fortschritte, obwohl
nichts besser wird. Robert drückt Carols Hand. Er versteht. Um
einen zweiten Schlaganfall zu verhindern, bekommt Tools die
Blutverdünner, die er nie vertragen hat.
Am 29. November beginnt Muskelgewebe in seinem Bauch zu
bluten. Die Blutung lässt sich nicht stoppen, auch nicht, als
die Blutverdünner abgesetzt werden. Tools liegt wieder auf der
Intensivstation. Als Carol ihn besucht, hat er die Augen geöffnet.
Er blickt in eine Ecke des Zimmers und lächelt. Carol erinnert
sich daran, dass auch ihre Großmutter mit diesem Blick auf dem
Sterbebett lag. Die Sterbenden, glaubt sie, sehen die Toten, die
gekommen sind, um sie zu holen. In der folgenden Nacht stirbt
Robert Tools. Das Atemgerät pumpt noch, ebenso das Herz. Am nächsten
Tag um 12.55 Uhr schalten die Ärzte beide Maschinen ab.
Der große blaue Sessel, in dem Robert seine Tage außerhalb
der Klinik hatte verbringen wollen, steht auch heute noch im
Wohnzimmer des kleinen Apartments von Carol Tools. Wenn man die
Lehne nach hinten drückt, klappt vorne eine Fußstütze auf.
Der Apartmentkomplex befindet sich auf einem Hügel. Darunter
liegt bewegungslos der Ohio, ein leerer weiter Fluss.
"Natürlich hätte sich Bob wieder einen Job
gesucht", sagt seine Frau. Die Ärzte hatten ihm Arbeit in
der Klinik angeboten, halbtags, als Patientenberater in der
Abteilung Patient Relations.
Patient Nummer zwei hat von Tools Tod noch nicht erfahren
Carol Tools ist 50 Jahre alt, eine kleine unscheinbare Frau,
die das gemeinsame Leid nicht gebrochen hat. Sie arbeitet jetzt
wieder, als Leiterin einer Großküche. Sie hat das Haus im Süden
leer geräumt und die wichtigsten Dinge hierher geschafft. Sie
hat die Briefe und Zeitungsausschnitte in einem dicken Ordner
aufgehoben, die Fernsehsendungen auf Video. Sie beklebt gerade
die dritte Pinnwand mit Bildern von Bob. Manchmal muss sie
lachen, wenn sie an ihn denkt. Es ist ein verblüffend spitzes,
helles Lachen. Sie hatten, trotz allem, viel Spaß zusammen in
diesen letzten Monaten. Bob ähnelte wieder dem Mann, der er
einmal gewesen war. Allein dafür hat sich die Anstrengung
gelohnt.
Auf dem Video des Gedenkgottesdienstes sieht man Dowling am
Rednerpult. Er ringt um Fassung. Der Arzt bringt kein Wort
heraus. Dann sagt er: "Robert Tools war ein Held."
Auch dafür hat sich die Anstrengung gelohnt.
Der Chirurg Laman Gray, Dowlings Kollege, blickt gern zurück
auf die Zeit mit dem berühmten Patienten. Drei Monate nach
dessen Tod sitzt er in seinem Büro im zwölften Stock und genießt
die Aussicht, sie reicht weit über den Ohio hinweg. Er hat die
Füße von sich gestreckt. Die Schuhe stecken noch in Kunststoffüberzügen,
er kommt aus dem Operationsraum. Professor Gray ist Dowlings
Vorgesetzter. Er bastelt in seiner Freizeit gern an
Schiffsmodellen und alten Autos. Auf seinem Schreibtisch steht
ein Modell des Kunstherzens in einer Glasbox. Professor Gray hat
gerade geträumt. Er träumt gern, wie Robert Tools es tat. Er
ist seinem Traum näher gekommen - mit Tools' Hilfe. Jedes Jahr
warten weltweit Zehntausende von Menschen auf Spenderherzen.
Manche von ihnen hängen an Pumpen, die groß sind wie Schränke.
Viele sterben, weil sie nie ein neues Herz bekommen. "Wenn
dieses Kunstherz ausgereift ist, hat es ein unglaubliches
Potenzial", sagt Gray.
Sechs Menschen in den USA haben die Operation freiwillig über
sich ergehen lassen. Drei leben noch. Bald soll der erste
Deutsche folgen, im Herzzentrum von Bad Oeynhausen. Professor
Gray hat nach Tools noch einen zweiten Mann operiert. Jetzt
freut er sich auf den dritten. Gray ist 61. Er will sich noch
lange nicht pensionieren lassen. Er will die bevorstehende
Revolution der Herzchirurgie unbedingt miterleben.
Er sieht sehr entspannt aus. Die dünnen Haare neben seiner
Glatze stehen ein wenig ab. Es sei doch alles "überraschend
gut gelaufen". Einer der beiden Herren habe sogar Sex
gehabt, kein Problem für das Kunstherz. Gray sagt nicht,
welcher von beiden. Nur eine Kleinigkeit sei schief gegangen,
leider, bei Mr. Tools. Nach seinem Tod holten sie das Herz aus
seiner Brust. Gray hält plötzlich eine der
Kunststoffmanschetten in der Hand, die sie an die Herzvorhöfe nähten.
Er deutet auf das Plastikkreuz, das sich über der Öffnung wölbt.
"Es sollte verhindern, dass die Vorhöfe zusammenklappen
wie bei den Kühen." An Tools' Kreuzen fanden sie
Blutgerinnsel. Sie lösten wohl den Schlaganfall aus, an dessen
Folgen er starb. Die nächsten Patienten werden ihm dankbar sein
dafür. Der Hersteller baut jetzt keine Plastikkreuze mehr ein,
weil daran das Blut verklumpt. Das Herz scheint auch ohne sie zu
funktionieren.
"Zum Glück fanden wir keine Klumpen im Herzen
selbst", sagt Dowling. "Das hätte die Forschungen um
Jahre zurückgeworfen."
Der Patient, den sie nach Tools operierten, lebt heute in
dessen ehemaligem Zimmer auf der Krankenstation. Er ist 70 Jahre
alt. Seine Angehörigen haben ihm nicht gesagt, dass Tools tot
ist. Er hat auch nicht nach ihm gefragt. Sein Herz schlägt
bereits länger als das von Tools. In ein paar Tagen will er das
Krankenhaus verlassen, er will lieber in einem Hotel wohnen.
"Ich fühle mich wundervoll", sagt er. "Ich werde
noch mal ganz von vorne anfangen." In seiner Brust schlägt
das fehlerhafte Modell.
Robert Tools starb auf der Intensivstation, dort, wo er fünf
Monate zuvor aufwachte, im Zimmer gegenüber.