DIE ZEIT

Dossier 10/2002

 

Das Herz schlägt, der Patient ist tot

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So groß wie eine Grapefruit ist das modernste Herz der Welt. Und es ist aus Plastik. Der Amerikaner Robert Tools war der erste Mensch, der es eingepflanzt bekam. Die Ärzte sprechen von einer medizinischen Revolution - doch der Proband lebte nur fünf Monate

von Jörg Burger

Als Robert Tools aufwacht, blickt er in grelles Licht. Vor seinen Augen schweben zwei Rechtecke, die ihn blenden. Unter sich spürt er etwas Weiches. Er hört ein zischendes Geräusch, das immer wieder aussetzt und neu anschwillt. Er hört auch ein leises Tropfen. Seine Kehle ist blockiert, aber sein Brustkorb bewegt sich. Er atmet, das nimmt er wahr, aber er merkt auch, dass die eigene Kraft dafür nicht reicht.

Der Katholik Robert Tools stellt fest, dass er nicht im Jenseits ist.

Könnte er sich in seinem Bett aufrichten, Tools blickte durch eine Wand aus Glas auf eine Konsole voller Computerschirme, auf Männer und Frauen in weißen Kitteln. Er sähe sie neben dem Bett an einer grauen Säule hantieren, von der sich Schläuche und Kabel aus durchsichtigen Flaschen und elektrischen Geräten zu seinem Körper ziehen. Könnte Tools sich umdrehen, er blickte durch ein breites, von Blechlamellen vor Sonnenlicht geschütztes Fenster auf eine Schotterfläche. Auf dem Dach des Gebäudes gegenüber ist die amerikanische Flagge aufgesteckt, sie weht im Wind. An der Wand des Zimmers hängt eine große Uhr. Ihr roter Sekundenzeiger bewegt sich lautlos.

Robert Tools' erster Gedanke ist: "Danke, Gott." Er hat die Operation überlebt. In ihm schlägt jetzt ein Herz aus Kunststoff und Titan mit dem Markennamen Abiocor. Sein Herz war krank, ohne das neue wäre er wohl tot. Er ist der erste Mensch, der dieses Herz in sich trägt, das Resultat jahrzehntelanger Forschungsarbeit. Die Ärzte hatten es zuvor nur an Tieren ausprobiert, hatten das Einsetzen an Leichen geübt. Sie wussten nicht einmal, ob es ausreichend Blut pumpen würde. Sie wissen nicht, wie lange es durchhalten wird. Tools ist das egal. Er freut sich über jede Sekunde, die der Zeiger an der Uhr vorrückt, auch wenn er nicht weiß, wie viel Zeit ihm bleibt.

Es ist der 2. Juli 2001: der Tag, an dem im Jewish Hospital in Louisville, US-Bundesstaat Kentucky, Robert Tools' zweites Leben beginnt. Seine Frau Carol ist bei ihm auf der Intensivstation. Was sie sieht, ist für sie schwer zu ertragen: Er liegt unter zwei gleißenden Neonlampen, um ihn herum Maschinen. Vierzehn Schläuche und Kabel, zählt sie, führen zu seinem Körper. Er kann nicht sprechen; aus seinem Mund ragt der Schlauch eines Beatmungsapparats. In der 20 Zentimeter langen Naht in der Brust stecken Schläuche, durch die Blut und Wundflüssigkeit abfließen. Unterhalb des Halses sind drei Katheter in Arterien eingeführt; sie messen den Blutstrom in den Herzvorhöfen. Aus Infusionsflaschen tröpfeln Medikamente in eine Kanüle am Handgelenk.

Er sagte immer: "Das wird schon wieder werden"

Tools hält mit Mühe die Augen offen. Er ist abgemergelt wie ein Hungeropfer aus einem Krisengebiet. Das alte Herz konnte Organe und Muskeln nicht mehr mit genügend Nährstoffen versorgen. Seine Frau sagt: "Du siehst schon viel besser aus." Er hat tatsächlich eine frischere Gesichtsfarbe. Er bewegt den Kopf als Zeichen, dass er versteht. Carol hat zu ihm gehalten in den neun Jahren seit dem Infarkt; in denen Leber und Nieren zu versagen drohten; in denen die Ärzte entschieden, die Transplantation eines echten Herzens lohne sich nicht. Als sie in einer Zeitschrift von einem Kunstherzen las, das getestet werden sollte in einer Klinik in Louisville, setzte sie Robert in ihren Mitsubishi-Jeep und fuhr los. Er konnte längst nicht mehr laufen, hing an einer Sauerstoffflasche. Carol hat oft damit gerechnet, dass er sterben würde. Er sagte immer: "Das wird schon wieder werden." Daran denkt sie jetzt, als sie neben seinem Bett steht. Er ist in ihren Gedanken so oft gestorben - sie ! hat das Gefühl, sie wohne einer Wiederauferstehung bei.

Robert Tools, von schwarzer Hautfarbe und im tiefen Süden der USA, in Alabama, geboren, war 50 Jahre alt, als Chirurgen vier Bypässe an sein Herz legten. Zu viele Herzkranzgefäße waren nach einem Infarkt verstopft. Carol und er lebten in den Bergen von Colorado. Von der Garage bis zum Haus waren es 42 Treppenstufen. Die schaffte Robert, 1,90 Meter groß und ein kräftiger Kerl, bald nicht mehr. Das Paar zog aufs flache Land nach Kentucky, wegen des höheren Sauerstoffgehalts der Luft. Robert lag meistens im Bett, weil er zu müde zum Aufstehen war. Wenn er schlief, sah Carol öfter nach, ob er noch atmete. Er hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mann, der gut gelaunt vom Fischen oder Jagen nach Hause kam; der als Buchhalter bei einer Telefonfirma gearbeitet hatte. Ein Kumpeltyp, den die Kollegen mochten. Carol weigerte sich, Fotos von ihm zu machen. Er schien geschrumpft zu sein. Er sah aus, als wäre er schon tot.

Einer der beiden Männer, die Robert Tools das kranke Herz aus der Brust schnitten, erinnert sich auch heute noch gut an den Moment, in dem er Tools zum ersten Mal begegnete. Er habe an der Tür innegehalten, bevor er ins Krankenzimmer getreten sei, so hat ihn der Anblick berührt: "Tools saß an einem Tisch und versuchte zu essen. Er brachte kaum die Gabel in den Mund." Der Arzt musste sich vor den Patienten knien, um mit ihm zu sprechen; Tools konnte nicht zu ihm aufsehen. Robert Dowling versuchte erst gar nicht, seine Freude zu verbergen: Da saß der Freiwillige für das Experiment, auf das er sich seit vier Jahren vorbereitet hatte. Die amerikanische Gesundheitsbehörde erlaubt Tests mit dem neuen Herzen nur an Männern, die praktisch keine Chance haben, länger als 30 Tage zu leben. Für Frauen ist das Herz zu groß.

Carol Tools sagt: "Bob war von den Ärzten genauso begeistert wie sie von ihm."

Der Chirurg Robert Dowling ist ein Mann von 42 Jahren. Seine Haare sind bereits grau. Mit seinem Kollegen Laman Gray hat er Tools operiert. Dowling trägt dunkle Hosen und eine Krawatte. Mit seinen kräftigen Unterarmen hat er Hunderte von Spenderherzen in Brustkörbe gehoben. Und er hat auch dies getan: Er hat das erste voll implantierbare Kunstherz der Welt verpflanzt. Seine Leistung wirkt in ihm immer noch nach wie ein Rausch. Er redet zu schnell. Wenn er sich in seinem Sessel zurücklehnt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt mit einem siegessicheren Lächeln, zeigen sich große Schweißflecken auf seinem Hemd.

Dowling hat einen schwarzen Koffer dabei. "Wollen Sie das Herz mal sehen?" Er klappt den Koffer auf. Das Herz ist aus durchsichtigem Kunststoff und so groß wie eine Grapefruit. Dowling holt es heraus, lässt es von einer Hand in die andere hüpfen. Es hat vier Öffnungen. Um seine Mitte läuft ein Ring aus Metall. Die beiden Kammern werden von einer Art Membran getrennt, in der ein Elektromotor sitzt. Er pumpt bis zu zehn Liter Blut pro Minute. Das müsste theoretisch reichen für leichtes Tennis. Der Arzt lässt das Herz zurück in den Koffer fallen. Es ist ein älteres Modell.

"Natürlich haben wir Herrn Tools über die Risiken aufgeklärt." Tools Brustkorb hätte am Ende doch zu klein sein können, trotz der Messungen und Computermodelle; die Verbindungsschläuche hätten knicken, die vielen Stiche nicht richtig schließen können. Das Herz hätte vielleicht keinen einzigen Schlag getan, trotz aller Laborversuche. Die von Rechtsanwälten vorbereitete Einverständniserklärung hat 13 Seiten. Die Ärzte machen Robert Tools lediglich Hoffnung auf zwei weitere Monate Leben, und sie sagen auch, dass es ein schreckliches Leben sein könnte. Hersteller und Klinik tragen alle Kosten. Tools unterschreibt. Er ist das 44. Versuchstier nach 40 Kälbern und drei Schweinen.

Die Vorbereitungen im Herzzentrum dauern fünf Tage. Die Ärzte fürchten, dass Tools nicht so lange durchhält. Kurz vor der Operation hat Carol Tools eine Vorahnung. Sie ist sich plötzlich sicher, dass er es nicht schaffen wird. Sie denkt: "Vielleicht wäre das ja ein Segen."

Die Ärzte lassen eine Kamera laufen, während sie Robert Tools aufschneiden. Dowling hat den Film in seinem Laptop gespeichert. Man sieht grüne OP-Tücher und acht Hände in Gummihandschuhen. In der Mitte sieht man etwas Blutiges. "Da rechts bin ich", sagt Dowling.

Es ist kein schöner Anblick, als Dowling und Gray am 2. Juli um 8.30 Uhr Tools' Brustkorb öffnen und beginnen, aus ihm einen berühmten Mann zu machen. Um den OP-Tisch stehen 15 Ärzte, Schwestern, Techniker. Das kranke Herz ist geschwollen, dreimal so groß wie normal. Es hat viele Narben, dort, wo der Infarkt Gewebe zerstört hat. Der Druck in der rechten Herzkammer, die Blut in die Lunge drückt, ist um ein Sechsfaches zu hoch; der Druck in der linken, die den Körper mit sauerstoffreichem Blut versorgt, zu niedrig. Die Chirurgen klemmen die Schlagadern ab und leiten den Blutstrom in eine Maschine. Im Film sieht man, wie sie das Herz herausschneiden in kleinen Stücken.

Er freut sich so, am Leben zu sein, dass er nicht einschlafen will

An die Herzvorhöfe, die sie drinlassen, nähen sie Kunststoffmanschetten. An die Schlagadern nähen sie etwas längere Röhren. Die vier Anschlüsse enden in je einem Schnappverschluss aus Metall. Um 12.30 Uhr legen sie das neue Herz in den Brustkorb und stecken die Anschlüsse fest. Sie stopfen zwei silberfarbene Schachteln in den Bauch, die Batterie und den Sender für die Computerüberwachung. Sie legen eine kleine Scheibe in die rechte Brust - eine Spule, über die die Batterie von außen geladen wird. Sie ziehen Kabel. Um 14 Uhr nähen sie Robert Tools wieder zu. Sein neues Herz ist größer als ein normales Herz und fast dreimal so schwer. Am Abend wird Tools noch einmal operiert, weil an einer Naht Blut austritt. Dann wird er endgültig auf die Intensivstation gerollt.

Robert Tools' neues Herz pumpt Blut durch Arterien und Venen, durch Organe und Muskeln, sieben Liter pro Minute, wenn der Patient ruht. Es schlägt fast 200 000-mal am Tag. Aber Tools ist noch lange nicht wieder der Mann, der er vor langer Zeit einmal war. Er verdämmert die Stunden. Der Atemschlauch in seiner Luftröhre quält ihn. Carol kommt jeden Morgen, bleibt bis spät in die Nacht. Sie wohnt in einem Hotel. Sie hat ihren Job aufgegeben, um bei ihm zu sein. Die Ärzte sagen, dass so die Heilungschancen stiegen. Ständig sind Schwestern um den Patienten, drehen an Knöpfen, tippen auf Tastaturen. Sie berichten Tools von der hervorragenden Pumpleistung seines Herzens, dem optimalen Druck in den Arterien, der lebensverlängernden Zufuhr von Blutverdünnern und Antibiotika. Er spürt nur, dass er keinen normalen Herzschlag hat. Wenn alles still ist, hört er ein wisperndes Geräusch. Die Schwestern drücken ein Stethoskop auf seine Brust und hören den Motor sirren wie eine weit entf! ernte Sirene.

Im Nebenraum wachen zwei Techniker der Firma Abiomed, die das künstliche Herz entwickelt hat. Sie beobachten den Patienten durch ein Fenster, prüfen die Signale der elektronischen Steuerung, 120 Pumpvorgänge in der Minute. Die Aktien des Unternehmens werden an der Börse gehandelt. Das Krankenhaus hätte die Operation gerne ein paar Wochen geheim gehalten, doch irgendwie erfährt davon eine Nachrichtenagentur. Einen Tag später berichten alle großen TV-Sender und Zeitungen des Landes über den Mann mit dem Kunstherzen, dessen Namen sie noch nicht kennen. Sie wecken die Hoffnung Tausender Kranker und nennen das Ereignis einen "Meilenstein in der Geschichte der Medizin".

Am dritten Tag nach der Operation holen die Ärzte den Schlauch aus Robert Tools' Hals. Seine Stimme ist nur ein Rumpeln und Knirschen, ein Geräusch wie aus den Tiefen eines kaputten Staubsaugers. Aber er redet. Und er hört nicht auf. Er hat ein Leben geschenkt bekommen, es drängt aus ihm heraus. Wenn er könnte, würde er jubeln. Er dankt den Chirurgen. Er dankt den Schwestern. Er dankt seiner Frau. Er sagt, es rieche so gut in seinem Zimmer. Die Schwestern seien so schöne Frauen. Er fragt auch nach seiner Steuerrückzahlung. Er hat nie daran geglaubt, dass er jetzt schon sterben würde. Er freut sich so, am Leben zu sein, dass er nicht einschlafen will. Dann schläft er vor Erschöpfung ein.

Robert Tools muss wieder an die Maschine. Seine Lunge ist zu schwach. Die Ärzte schneiden ein Loch in seinen Hals, durch das sie ihn beatmen. Der Kehlkopf ist frei, so er kann wenigstens sprechen. Sie legen einen dünnen Schlauch durch die Nase in den Magen, für eine Nährstofflösung. Langsam kehrt Leben in Robert Tools zurück. Die Schwestern helfen ihm, sich einmal am Tag in einen Stuhl zu setzen. Das erfordert seine ganze Kraft. Die Schwestern binden ihm einen Gürtel mit Batterien um, damit er sich frei bewegen kann. Die Batterie in seiner Brust hält nur eine halbe Stunde. Er beginnt eine Physiotherapie, stemmt mit Armen und Beinen 500-Gramm-Gewichte. Später schafft er zweieinhalb Kilo. In einem eigens für Patienten wie ihn eingerichteten Raum lernt er noch einmal, wie man einen Bordstein überwindet. Er hebt Pappschachteln in einen Einkaufswagen. Am liebsten aber trainiert er, wie man in ein Auto steigt. Es ist das Modell eines weißen Buick mit abgeschnittener Kühlerhaub! e, die in einer Wand feststeckt. Er träumt davon, der Wagen bringe ihn hier raus.

Die Ärzte stehen neben seinem Bett mit einem breiten Lächeln. Tools überwindet eine Lungenentzündung. Er überlebt eine vorübergehend blockierte Ader im Hirn, die das Sprachzentrum lähmt; ein paar Tage lallt er nur. Leber und Nieren arbeiten wieder normal. Seine Diabetes ist unter Kontrolle. Nur die Blutverdünner verträgt er nicht. Immer wieder blutet seine Nase, sein Magen. Die Ärzte setzen die Blutverdünner ab. Jetzt haben sie Angst, ein Gerinnsel im Hirn könnte ihn das Leben kosten.

Der 31. Juli 2001 ist Robert Tools' 59. Geburtstag. Er lässt die Feier in einem Rollstuhl über sich ergehen. Auf seinen hohlen Wangen liegt eine stille Freude. Er bekommt Glückwunschkarten, von der Herzfirma einen Pullover und eine Baseballmütze mit der Aufschrift "Champ Nr. 1". Die Ärzte schenken ihm einen Angelgutschein. Alle, die an diesem Nachmittag bei ihm sind, feiern sich auch irgendwie selbst.

Ende August hat Robert Tools endlich genug Kraft, sich seinem Ruhm zu stellen. Amerika ist neugierig auf ihn, als wäre er der erste Mann auf dem Mond. Die Ärzte müssen ihn stützen, als sie ihn in das Zimmer führen, in dem eine Kamera aufgebaut ist. Er trägt ein blaues Hemd, eine rote Krawatte und zu große weiße Turnschuhe. Die Kamera überträgt die Bilder in den Raum, in dem die Journalisten warten. Ein Kabel ragt aus Tools' Hemdbrust. Es führt zu dem Überwachungscomputer, den ein Pfleger auf einer Konsole hinter ihm herrollt.

Aus Robert Tools' Kehle kommt erst nur ein Quietschen. Er legt einen Finger auf das Loch in seinem Hals, aus dem sie den Atemschlauch entfernt haben. So ist er halbwegs zu verstehen. Er spricht trotzdem einige Tonlagen zu hoch. Er sagt, er habe sich immer noch nicht an das Herz gewöhnt. Es sei so schwer in seiner Brust. Er guckt ein wenig schief, als sei auch der Kopf eine Last. Er weiß, dass manche ihn für das Opfer eines Menschenversuchs halten. Das will er richtig stellen. Er sagt: "Ich habe um dieses Experiment gebeten, weil ich keine andere Chance hatte."

Nach ein paar Minuten geht Tools der Atem aus.

Dowling sitzt neben ihm und lächelt. "Das Leben ist wunderschön", sagt er, als wisse er, dass Tools das noch hat sagen wollen. Amerika liebt die Zuversicht. Es liebt die Selbstbestätigung. Am selben Tag entsteht ein Foto. Tools hält ein Modell seines Herzens in die Kamera - und eine Faust mit hoch gestrecktem Daumen.

Anfang September halten die Ärzte Robert Tools für stark genug, die Intensivstation endgültig zu verlassen. Er sträubt sich. Er findet, er sei noch nicht so weit. Der Anblick des Raums mit den vielen Apparaturen und stets bemühten Schwestern ist in ihm verschmolzen mit dem Gefühl, dass auch auf die Maschine Verlass ist in seiner Brust. Widerwillig bezieht er das Zimmer 439 auf der gewöhnlichen Krankenstation. Es ist klein und dunkel. Vor dem Fenster gibt es ein bisschen Grün.

Er schläft schlecht. Meistens wacht er gegen sechs Uhr auf, eine Stunde bevor die Schwestern kommen, um ihn zu wecken. Oft hat er keine Lust aufzustehen. Er will keine Gewichte heben. Die Schwestern drängen ihn. Er fühlt sich auf der Krankenstation wie in einem Gefängnis. Es ist so verdammt still hier. Er sehnt sich nach Lärm. Er sehnt sich sogar danach, jemand würde ihn anbrüllen. Alles ist besser als diese qualvolle Stille. Er lässt sich einen Kassettenrekorder mitbringen, stellt Countrymusik laut. Er leiht sich Filme und Hörbücher aus, am liebsten Western. Immerhin kann er jetzt zur Toilette gehen, muss nicht mehr die Bettpfanne benutzen. Er geht duschen. Die Schwestern helfen ihm, die Kabel abzunehmen und die Übertragungsspule, die auf seine Brust geklebt ist. Er schafft es sogar, das Gebäude zu verlassen. Dann trägt er die großen Batterien am Gürtel, und eine Schwester schiebt seinen Rollstuhl, Ersatzbatterien im Gepäck. Tools besucht das Krankenhauscafé auf der and! eren Straßenseite. Er macht ein paar Schritte über den Campus der Universitätsklinik. Er wundert sich, dass ihn Leute, die er gar nicht kennt, auf einmal grüßen. Er ist der Mr. Tools, der im Fernsehen war. Er ist so etwas wie ein Star.

Er bekommt Briefe von Menschen, die sein Schicksal "zu Tränen rührt". Er bekommt ein Foto des US-Präsidenten mit Autogramm. Eine bekannte Countryband besucht ihn, um mit ihm zu frühstücken. Muhammad Ali steht plötzlich im Zimmer. Der ehemalige Boxer stammt aus Louisville, er will Tools die Hand schütteln. Er hat auch viel einstecken müssen; das müssen Sieger immer. Tools beantwortet Briefe, gibt Interviews. Carol hilft ihm dabei. Sie verabredet auch seine Pressetermine. Ein Kind hat Robert eine aufgehende Sonne auf Papier gemalt, die er sich ins Zimmer hängt.

Der Oktober wird der große Monat von Robert Tools. Er darf das Klinikgelände verlassen. Er macht Ausflüge, geht essen in Restaurants. In dem Krankenwagen, der ihn hinbringt, sitzen neben ihm und dem Fahrer: ein Arzt, eine Krankenschwester, ein Herztechniker und seine Frau. Zuvor sind die Techniker mit einem Messwagen durch die ganze Stadt gefahren, um sicherzustellen, dass keine Radiowelle die empfindliche Steuerung des Herzens stört. Tools isst Hamburger und Schweinerippchen vom Holzkohlengrill, belagert von Journalisten. Er trinkt Milchshakes. Er bestellt sich Eiskrem. Der Bürgermeister lädt ihn ein zu dem Traditionsgericht dirty rice, Reis und Innereien. Zum Nachtisch gibt es Zitronenkuchen. Tools bringt nie mehr als ein paar Bissen hinunter, kann gerade ein bis zwei Häuserblocks weit gehen. Der Hamburger bereitet ihm Übelkeit. Aber er lächelt in die Kameras. Er weiß, was man von ihm erwartet. Für ihn ist das alles nur ein Vorgeschmack auf das Leben, nach dem e! r greift. Sein Herz schlägt jetzt seit mehr als drei Monaten.

Robert Tools beginnt zu träumen. Er träumt vom Besten, das er verloren hat: von den Freuden eines starken Körpers. Er erzählt den Schwestern von dem Fischerboot, das er besaß; von den Angelwettbewerben auf den Seen in Colorado, bei denen er Pokale gewann; von der Fasanenjagd und seinem Holzhaus im Wald. Er macht Witze über seinen Tod: "Ich darf nicht sterben, sonst verschwendet Carol das Geld der Versichung an einen anderen Mann." Er gibt ein langes Fernsehinterview mit seiner Frau - keine Kabel, keine Schläuche, sie wirken fast wie ein normales Paar. Er hat Pläne. "Ich möchte meinen Sohn, meine Tochter und meine Enkel sehen", sagt er, die Kinder stammen aus einer früheren Ehe. "Ich möchte Freunde besuchen. Ich möchte quer durch Amerika reisen." Die Ärzte sagen, er dürfe vielleicht zu Weihnachten ein paar Tage heim. Sie gehen mit ihm fischen an einen Weiher. Die Herbstsonne leuchtet. Alle sind gut gelaunt. Niemand fängt einen Fisch.

Zum 1. November mietet Carol Tools ein Apartment in der Nähe der Klinik. Louisville hat eine Million Einwohner und ein paar Wolkenkratzer. Hier ist es nicht so langweilig wie in dem kleinen Ort im Süden von Kentucky, wo sie bisher wohnten, findet Carol. Hier will sie mit Bob leben. Sie wird lernen, die Batterien für ihn zu wechseln. Irgendwann wird er nur noch einmal im Monat ins Krankenhaus müssen, zur Kontrolle. Sein Herz wird per Internet überwacht werden. Er wird einkaufen gehen können und ins Kino, haben die Ärzte versprochen. So optimistisch sind sie jetzt. Nur Sport soll er nicht treiben - das Herz auf Höchstleistung zu schalten wagen die Ärzte nicht. Sollte es einmal defekt sein, hofft Carol, werden sie es rechtzeitig austauschen. Sie hat Robert wieder. Was für ein Geschenk. Sie ist glücklich, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Sie denkt aber auch, dass es "ein wenig voreilig" war, eine Wohnung zu mieten.

Zehn Tage später fällt Robert Tools in der Klinik aus dem Rollstuhl. Er hatte sich gerade angezogen für ein Interview mit CNN, trägt Hemd und Krawatte. Er kann nicht mehr sprechen, den rechten Arm nicht mehr bewegen. Ein Schlaganfall hat ein Viertel seines Gehirns zerstört. "Wenn ich mich nicht mehr mitteilen kann, möchte ich lieber sterben", hat Robert einmal gesagt. Carol nimmt sich vor, wenigstens sechs Monate zu warten. Sie redet Robert ein, er mache Fortschritte, obwohl nichts besser wird. Robert drückt Carols Hand. Er versteht. Um einen zweiten Schlaganfall zu verhindern, bekommt Tools die Blutverdünner, die er nie vertragen hat.

Am 29. November beginnt Muskelgewebe in seinem Bauch zu bluten. Die Blutung lässt sich nicht stoppen, auch nicht, als die Blutverdünner abgesetzt werden. Tools liegt wieder auf der Intensivstation. Als Carol ihn besucht, hat er die Augen geöffnet. Er blickt in eine Ecke des Zimmers und lächelt. Carol erinnert sich daran, dass auch ihre Großmutter mit diesem Blick auf dem Sterbebett lag. Die Sterbenden, glaubt sie, sehen die Toten, die gekommen sind, um sie zu holen. In der folgenden Nacht stirbt Robert Tools. Das Atemgerät pumpt noch, ebenso das Herz. Am nächsten Tag um 12.55 Uhr schalten die Ärzte beide Maschinen ab.

Der große blaue Sessel, in dem Robert seine Tage außerhalb der Klinik hatte verbringen wollen, steht auch heute noch im Wohnzimmer des kleinen Apartments von Carol Tools. Wenn man die Lehne nach hinten drückt, klappt vorne eine Fußstütze auf. Der Apartmentkomplex befindet sich auf einem Hügel. Darunter liegt bewegungslos der Ohio, ein leerer weiter Fluss.

"Natürlich hätte sich Bob wieder einen Job gesucht", sagt seine Frau. Die Ärzte hatten ihm Arbeit in der Klinik angeboten, halbtags, als Patientenberater in der Abteilung Patient Relations.

Patient Nummer zwei hat von Tools Tod noch nicht erfahren

Carol Tools ist 50 Jahre alt, eine kleine unscheinbare Frau, die das gemeinsame Leid nicht gebrochen hat. Sie arbeitet jetzt wieder, als Leiterin einer Großküche. Sie hat das Haus im Süden leer geräumt und die wichtigsten Dinge hierher geschafft. Sie hat die Briefe und Zeitungsausschnitte in einem dicken Ordner aufgehoben, die Fernsehsendungen auf Video. Sie beklebt gerade die dritte Pinnwand mit Bildern von Bob. Manchmal muss sie lachen, wenn sie an ihn denkt. Es ist ein verblüffend spitzes, helles Lachen. Sie hatten, trotz allem, viel Spaß zusammen in diesen letzten Monaten. Bob ähnelte wieder dem Mann, der er einmal gewesen war. Allein dafür hat sich die Anstrengung gelohnt.

Auf dem Video des Gedenkgottesdienstes sieht man Dowling am Rednerpult. Er ringt um Fassung. Der Arzt bringt kein Wort heraus. Dann sagt er: "Robert Tools war ein Held." Auch dafür hat sich die Anstrengung gelohnt.

Der Chirurg Laman Gray, Dowlings Kollege, blickt gern zurück auf die Zeit mit dem berühmten Patienten. Drei Monate nach dessen Tod sitzt er in seinem Büro im zwölften Stock und genießt die Aussicht, sie reicht weit über den Ohio hinweg. Er hat die Füße von sich gestreckt. Die Schuhe stecken noch in Kunststoffüberzügen, er kommt aus dem Operationsraum. Professor Gray ist Dowlings Vorgesetzter. Er bastelt in seiner Freizeit gern an Schiffsmodellen und alten Autos. Auf seinem Schreibtisch steht ein Modell des Kunstherzens in einer Glasbox. Professor Gray hat gerade geträumt. Er träumt gern, wie Robert Tools es tat. Er ist seinem Traum näher gekommen - mit Tools' Hilfe. Jedes Jahr warten weltweit Zehntausende von Menschen auf Spenderherzen. Manche von ihnen hängen an Pumpen, die groß sind wie Schränke. Viele sterben, weil sie nie ein neues Herz bekommen. "Wenn dieses Kunstherz ausgereift ist, hat es ein unglaubliches Potenzial", sagt Gray.

Sechs Menschen in den USA haben die Operation freiwillig über sich ergehen lassen. Drei leben noch. Bald soll der erste Deutsche folgen, im Herzzentrum von Bad Oeynhausen. Professor Gray hat nach Tools noch einen zweiten Mann operiert. Jetzt freut er sich auf den dritten. Gray ist 61. Er will sich noch lange nicht pensionieren lassen. Er will die bevorstehende Revolution der Herzchirurgie unbedingt miterleben.

Er sieht sehr entspannt aus. Die dünnen Haare neben seiner Glatze stehen ein wenig ab. Es sei doch alles "überraschend gut gelaufen". Einer der beiden Herren habe sogar Sex gehabt, kein Problem für das Kunstherz. Gray sagt nicht, welcher von beiden. Nur eine Kleinigkeit sei schief gegangen, leider, bei Mr. Tools. Nach seinem Tod holten sie das Herz aus seiner Brust. Gray hält plötzlich eine der Kunststoffmanschetten in der Hand, die sie an die Herzvorhöfe nähten. Er deutet auf das Plastikkreuz, das sich über der Öffnung wölbt. "Es sollte verhindern, dass die Vorhöfe zusammenklappen wie bei den Kühen." An Tools' Kreuzen fanden sie Blutgerinnsel. Sie lösten wohl den Schlaganfall aus, an dessen Folgen er starb. Die nächsten Patienten werden ihm dankbar sein dafür. Der Hersteller baut jetzt keine Plastikkreuze mehr ein, weil daran das Blut verklumpt. Das Herz scheint auch ohne sie zu funktionieren.

"Zum Glück fanden wir keine Klumpen im Herzen selbst", sagt Dowling. "Das hätte die Forschungen um Jahre zurückgeworfen."

Der Patient, den sie nach Tools operierten, lebt heute in dessen ehemaligem Zimmer auf der Krankenstation. Er ist 70 Jahre alt. Seine Angehörigen haben ihm nicht gesagt, dass Tools tot ist. Er hat auch nicht nach ihm gefragt. Sein Herz schlägt bereits länger als das von Tools. In ein paar Tagen will er das Krankenhaus verlassen, er will lieber in einem Hotel wohnen. "Ich fühle mich wundervoll", sagt er. "Ich werde noch mal ganz von vorne anfangen." In seiner Brust schlägt das fehlerhafte Modell.

Robert Tools starb auf der Intensivstation, dort, wo er fünf Monate zuvor aufwachte, im Zimmer gegenüber.

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