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Der Anruf |
Sie ahnt nichts... sie hat gedacht, sie könne jetzt nach dem abgebrochenem Urlaub, und der IV erst einmal ihre neu erworbene "Gesundheit" genießen. Doch was geschieht statt dessen im Freitag morgen, um 6.12 Uhr???.. Sie wird unsanft aus ihren süßen Träumen gerisssen. Das Telefon klingelt. Ihre Gedanken: daß kann nur ein Irrer sein, der um diese unchristliche Zeit anruft....oder doch die Transplantambulance??.... es geht aber erstmal der Anrufbeantworter dran ... und und tatsächlich, es ist die Transplantambulanz: "Frau Kühl, wir haben ein Lungenangebot für Sie......" Daraufhin steht sie aufrecht im Bett und denkt: "oh nein, ich will nicht, es ist viel zu früh.... ich warte doch erst seit einem Monat,.... ich will nicht, ich will nicht...... Sie versucht sich zunächst zu sammeln, sich zu beruhigen, und ihre Eltern anzurufen, die aber nicht ans Telefon gehen. Jutta, ihre Mitbewohnerin, ist auch im Urlaub. Derweil klingelt das Handy - sie geht auch hier nicht dran.... sie wartet, denkt nach.... Läuft im Wohnzimmer auf und ab, als sie schließlich ihren Anrufbeantworter nach der Rückrufnummer durchstöbert, klingelt das Telefon erneut. Sie ist ja nun vorgewahrnt, geht ran, immer noch völlig verstört - nein... ich kann nicht... es ist viel zu früh... Der Mann am anderen Ende redet sehr beruhigend auf sie ein, sagt ihr sie solle mit ein paar Sachen in die Klinik kommen. Sie muß ihm richtig versprechen, daß sie auch kommt. Sie hat dann ihre Freundin Simone angerufen, damit überhaupt jemand Bescheid weiß. Ihre Freundin weiß nicht recht was sie sagen soll, außer ihr viel Glück zu wünschen. - jetzt im nachhinein, ist es auch wirklich das einzige, was man braucht -. Anschließend bestellt sie sich ein Minicar und fährt in die Klinik ..... Hier geht alles ganz schnell, lauter Ärzte, die Blut und Unterschtiften haben wollen, Schwestern, die einen rasieren und und und. Richtig klasse ist, daß sie eine Schwesternschülerin sieht, die sie von vorherigen Aufenthalten, von einer anderen Station her, kennt. Jetzt geht es ihr um einiges besser. Auch kann die endlich ihre Eltern erreichen. Doch die stehen völlig daneben, und verstehen gar nicht was ihre Tochter ihnen da erzählt. Dann hat sie noch mal etwas Zeit sich zu besinnen, und findet es eigentlich doch ganz OK, daß sie jetzt hier ist. Es ist ein idealer Zeitpunkt, wenn es denn jetzt klappen soll, denkt sie, denn sie kommt gerade von der IV, die Gefahr sich selbst wieder zu infizieren sind also sehr gering. Sie ist etwas beruhigter.... Um halb neun ist sie fertig im OP - Vorbereitungsraum, der Anestesist zieht die Spritzen auf: Dann geht es los, alles retour, das Organ ist nicht OK, Eiter in der Lunge. Als sie etwas eine Stunde später gemütlich beim Frühstücken sitz, ruft ihre Mutter besorgt zurück, und fragt nach ihrem Zustand. Als sie antwortet, und erzählt, was sie gerade tut, ist die Mama natürlich sehr verwirrt, geht sie doch davon aus, das ihre Tochter immer noch auf den OP - Anfang wartet. Dieses eben gelesene ist keine von mir selbst erlebte Geschichte, sondern die einer anderen jungen CF´lerin, Ute Kühl, aus Kiel. Sie hat mir diesen sehr aufregenden Tag in einem Brief erzählt. Er drückt genau die immer wiederkehrenden Ängste und Zweifel aus, die wir auf der Transplantliste - Stehenden haben, und weil diese Situation schon von vielen anderen in gleicher oder ähnlicher Form miterlebt wurde, habe ich dies in meiner HP aufgenommen. Auch folgende Gedanken von ihr, zu diesem Tag, möchte ich Euch nicht vorenthalten: >>Das war ganz schön aufregend. Ich bin ganz froh, daß es noch nicht losging, denn man stellt sich innerlich ja doch auf diese durchschnittliche Wartezeit ein, von mindestens einem Jahr. Und dann stelle ich mir halt die Frage, ob und wieviel man von seiner Gesamtlebenszeit dadurch verliert, wenn man "zu früh" drankommt. Es wäre dann in dem Moment auch OK gewesen und jetzt denke ich halt auch immer, oh ja, wenn es losgegangen wäre, dann könnte ich bald wieder dies und das machen, und würde nicht mehr auf Sauerstoff und all das angewiesen sein, wäre auch toll. Aber ich denke, ich kann noch warten und es wird sicher noch weitere so ideale Voraussetzungen geben. Auf jeden Fall ist dieses Ereignis ein ganzes Stück näher gerückt und vor allem auch reeller geworden. Wenn man nur so rumwartet, dann ist es ja doch sehr abstrakt.<< [September 2000]
Nachtrag: Ute ist Anfang diesen Jahres für kurze Zeit auf der Dringlichkeitsliste gestanden, weil es ihr schlechter ging. Doch man hat sie wieder runter gestuft, weil es nicht sooo schlecht sei.... Leider ist sie fast 4 Woche später, im Frühjahr 2001 verstorben.... ich denke viel an sie und all die Anderen....
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